40 Jahre - 1971

Kapitel 1 (1970/71) - Wie alles anfing

von Uwe Weinreich

Wir schreiben das Jahr 1970. Das Kind „Wuppertaler Kindertheater” (ja, so hieß es damals, das „Jugend” kam erst später hinzu) war noch nicht geboren; aber es gab Menschen in Wuppertal, denen die Theaterkultur für Kinder, die sich maximal auf ein Weihnachtstheaterstück der Wuppertaler Bühnen beschränkte, als zu wenig erschien.

Anlässlich ihres 50-jährigen Jubiläums plante die Wuppertaler Kulturgemeinde Volksbühne, ein Kindertheater zu gründen, sicherlich für die damalige Zeit etwas Außergewöhnliches. Auf der Suche nach einem Theaterleiter wurde man sehr schnell fündig. Es gab Paul Winterling, seines Zeichens Schauspieler und Leiter einer Reihe von freien Theatergruppen (damals hieß das noch – ohne Beigeschmack – Laienspielgruppen). Und eine solche Gruppe leitete er auch für die Volksbühne. Neben Paul Winterling gab es noch einen zweiten, ja sagen wir ruhig glücklichen Zufall in Form von

Prof. Dr. Kurt Herberts, der Zeit seines Lebens nicht nur Industriemagnat war, sondern sich immer auch, da praktizierender Anthroposoph, der Kultur und der Lebensbildung von vor allem jungen Menschen widmete. In seiner Fabrik wurden junge Menschen zu Kaufleuten, Facharbeitern und Laboranten ausgebildet; aber neben dieser Fachausbildung genossen sie auch ein gehöriges Maß an kultureller Bildung. In der eigenen „Herbertsschule” erlernten wir ( ja, Ihr habt richtig gelesen, ich habe „wir” geschrieben – denn auch ich durchlief ab 1964 diese Ausbildung), wie man künstlerisch mit diversen Rohstoffen wie Holz, Stein und Metall umgeht. Wir lernten Gärtnern, Singen, Hobeln und wurden sogar mit Grundformen der Philosophie vertraut gemacht (Wollt Ihr den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant hören? Den habe ich heute noch drauf). Wir malten im Zoo und besuchten das von der Heydt Museum, um aus erfahrenem Munde die dort hängenden Werke interpretiert zu bekommen.

Und für alles gab es eigene Lehrer, ihrerseits Fachleute, den Kunstmaler, den Schreiner, den Gärtner und den Schauspieler. Und Sie werden es schon erraten haben: Der hieß Paul Winterling. Und dieser Paul Winterling leitete bei der Firma Herberts nicht nur mehrere Schauspielgruppen, sondern gab, wie gesagt, auch den jungen Auszubildenden (damals hießen sie noch Lehrlinge) Sprecherziehung und Schauspielunterricht. Der Höhepunkt eines jeden ersten Lehrjahrs, mit immerhin ca. 60 Lehrlingen – war ein einstudiertes Theaterstück, dem klassischen Weihnachtsmärchen sehr ähnlich, bei denen dann die verschiedenen Talente der Jugendlichen genutzt wurden. So waren nämlich nicht nur Schauspieler gefragt, sondern auch Bühnenbildbauer und Kostümschneider. Um etwas Ähnliches zu erfahren, müssen Kinder und Jugendliche heute den Lampenfieber- oder Rampenlichter-Kurs in unserer Theaterschule besuchen.

Was für ein wunderbares Konglomerat vielfältiger Talente, die sich fast wie von selbst nutzen ließen, um daraus ein eigenes Kindertheater zu formen. Und so geschah es auch. Neben Paul Winterling dürfen wir aber auf gar keinen Fall Uwe Böhme vergessen. Er, ebenfalls Lehrer an der Herbertsschule, vermittelte als Schreinermeister mit Werkkunststudium den jungen Menschen die praktische Seite der Kunst und war von Stund an für Entwurf und Bau der Bühnenbilder verantwortlich. Fast nahtlos arbeitete hier die Herbertsschule mit dem Wuppertaler Kindertheater zusammen, was sogar dazu führte, dass allgemein viele glaubten, dass das Kindertheater aus der Herbertsschule hervorgegangen sei. Vielmehr ergänzten sich hier auf geradezu wunderbare Weise zwei Ideen, geboren in der Kulturgemeinde Volksbühne und in der Anthroposophie eines Prof. Herberts zu dem, was heute nach 40 Jahren immer noch existiert, und zwar besser und größer als je zuvor.

Wir sind immer noch im Jahr 1970. Die Gründung des Wuppertaler Kindertheaters war beschlossene Sache. Die gesamte Verwaltung des Theaters sollte in der Volksbühne erledigt werden. Als erster Leiter war Paul Winterling engagiert und das Bühnenbild sollte von Uwe Böhme entworfen und in den Werkstätten der Herbertsschule gebaut werden.

1971, das Kindertheater ist geboren und am 24. April 1971 hob sich zum ersten Mal der Vorhang zu einer Premiere des Wuppertaler Kindertheaters. An dieser Stelle muss ich gestehen, dass das Kindertheater zu keinem Zeitpunkt einen Theatervorhang besaß. Es war und ist es immer noch eine „Wanderbühne” – und da sind Theatervorhänge nicht unbedingt üblich. Aber sollte das Theater je ein festes Domizil sein eigen nennen, ich verspreche Euch, wird es einen Theatervorhang geben aus rotem Samt und goldenem Brokat oder so ähnlich. Es ist halt ein zu schönes Bild: Dunkelheit… Der Theatervorhang hebt sich zum allerersten Mal… und dann geht der Verfolger an.

Das Wuppertaler Kindertheater ist geboren.

Wir sind also im Gründungsjahr 1971. Das erste Stück lag quasi auf der Hand. Man nahm jene Inszenierung, die man Weihnachten 1970 seitens der Herbertsschule gespielt hatte "Räuber Hotzenplotz”. Mit wenigen Ausnahmen wurde auch auf dasselbe Ensemble zurückgegriffen. Mit Räuber Hotzenplotz, dem 1962 entstandenen wunderbaren Buch von Otfried Preußler fing also alles an, und wir werden es in unserem Jubiläumsjahr 2011 wieder spielen. Eigentlich waren 4 Stücke für dieses Jahr geplant. Der beantragte Zuschuss bei der Stadt Wuppertal von 60.000 DM wurde später aber auf 30.000 DM reduziert, sodass Paul Winterling in diesem Jahr nur noch ein weiteres Stück inszenierte „Der gestiefelte Kater”. Gespielt wurde hauptsächlich in Barmen im Haus der Jugend und in Elberfeld im „Roten Saal” (heute Mahler Saal) der Stadthalle.

Der Eintritt für Kinder und Erwachsene betrug übrigens 2,-- DM (ca. 1 Euro). Das waren noch Zeiten.

Bis nächste Woche
Euer Uwe