40 Jahre - 1973

Kapitel 3 (1973)

von Uwe Weinreich

1973: Weltweit gibt es eine Ölkrise, und ein neuer Begriff entsteht: Autofreier Sonntag. In den USA beschäftigt man sich mit der Watergate-Affäre, und wir proben zum ersten Mal ein Stück von Astrid Lindgren: Rasmus und der Landstreicher. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass wir uns ein Buch von Astrid Lindgren vornehmen. Und vorweggenommen: Alle waren sie große Erfolge.

Astrid Lindgren ist die wohl bekannteste und erfolgreichste Kinderbuchautorin des 20. Jahrhunderts. Zwei ihrer schönsten Geschichten haben einen Rasmus als Hauptperson, aber Vorsicht: Es sind zwei verschiedene Rasmus!

Aber zurück zu unserem „Rasmus”. Er ist ein Waisenjunge, der im Waisenhaus in Vaesterhaga leben muß. Ein bißchen lebhaft gerät er oft genug an die Vorsteherin Fräulein Habicht, so dass er beschließt, auszureißen und sich selbst Eltern zu suchen. Der erste, den er auf seiner Reise trifft, ist Paradies-Oskar, der Landstreicher, der sich Gottes Zaunkönig nennt, denn einer muß es ja sein. Zusammen ziehen sie durch die Lande und geraten in den Strudel der Ereignisse um zwei bewaffnete Räuber.

„Rasmus und der Landstreicher” ist ein wunderschönes Stück über Träume und die Suche nach Geborgenheit, aber auch über die Realität im Waisenhaus und über gewissenlose Banditen. Also hat es alles das, was ein gutes Kindertheaterstück ausmacht und was Astrid Lindgren wunderbar zwischen zwei Buchdeckel verpackt hat.

Zwar ist es nicht das berühmteste der Lindgren-Bücher, doch bewies Paul Winterling trotzdem eine glückliche Hand, genau dieses Stück ausgewählt und sich nicht z. B. auf „Pippi Langstrumpf” oder „Michel” eingelassen zu haben. Um „Pippi” auf unsere Bühne zu bringen, brauchte es weitere 30 Jahre. Warum das so lange gedauert hat? Schaut doch noch einmal in 30 Wochen vorbei, dann erklär ich’s euch. Und mein allerliebstes Lindgren-Buch „Ronja Räubertochter” war 1973 noch nicht geschrieben.

In der Rolle des Landstreichers zu sehen war – langsam werdet Ihr es schon ahnen – Udo Dülme. Für diese Rolle lernte er sogar Akkordeon spielen. Und das noch nicht genug, die Rolle verlangte außerdem (oder war es nur ein Regieeinfall Paul Winterlings), dass das Akkordeon auf dem Rücken gespielt wurde, wohlgemerkt auf dem eigenen. Diese Geschichte wurde später immer gerne erzählt, wenn einmal wieder Theateranekdoten auf den Tisch kamen.

Apropos Anekdoten, im Theater werden immer viele Anekdoten erzählt, und meistens sind sie sehr unterhaltsam und lustig und sind natürlich immer absolut wahr (wenigstens meistens). Aber die Geschichte mit dem Schifferklavier ist selbstverständlich so gewesen.

Noch vor den Sommerferien spielten wir „Hase und Igel”, das erste Stück, in dem mein Freund Paul Denstädt mitspielte. Mittlerweile ist das Kindertheater nicht nur in Elberfeld und Barmen, sondern auch regelmäßig in Schwelm und Gevelsberg zu Gast, die Wuppertaler Südhöhen mit Ronsdorf und Cronenberg gehören genauso zum festen Tourneeplan wie Vohwinkel und Langerfeld. Und über die kommenden Jahre werden wir nach „Hase und Igel” auch gern gesehene Gäste in den orthopädischen Anstalten in Wetter-Volmarstein sein.

Gespielt wird immer samstags um 15.00 Uhr, bzw. 14.00 und 16.30 bei einer Doppelvorstellung. Mit Ausnahme der Hauptprobenwoche vor einer Premiere wurde jeden Mittwoch- und Freitagabend im Haus der Jugend geprobt, und egal, ob man in einem Stück beschäftigt war oder nicht, man kam zur Probe und traf sich an diesen beiden Abenden. Im Emsemble waren alle irgendwie miteinander befreundet, verbandelt, liiert, also sowieso die meiste Freizeit mit einander zusammen. Es war wie in einer Großfamilie.

Und nach der Probe ging es fast regelmäßig in den Werther Hof zu „Omma Geiges”, einem Barmer Original in ihrer Gaststätte (heute Friesenkate). Ich weiß nicht, wie alt das Ehepaar Geiges war; aber sie waren mit Sicherheit schon weit jenseits des Rentenalters. Ich habe Omma Geiges immer als sehr mürrische (dabei aber herzensgute) Frau in Erinnerung, und es war nichts ungewöhnliches, dass man nach zwei Bier in bestem Barmer Platt gesagt bekam, dass es jetzt genug sei, da man doch am nächsten Tag wieder früh raus müsse. Wohlgemerkt, wir waren alle schon erwachsen, waren ihr wohlbekannt und hatten in ihrer „Kneipe” einen festen Tisch. Ihr Mann redete nicht viel, was auch schlecht möglich war, da sein Mundwinkel von einem dicken Zigarrenstumpen geziert wurde, der aber meistens kalt war. Dafür trank er gerne auch mal ein Gläschen oder zwei, und wenn er sich dann irgendwann im Laufe des Abends verzählt hatte, setzte er sich an sein Harmonium, das unten noch getreten werden musste, und spielte zur Freude aller das „Bergische Heimatlied”: Wo die Wälder noch rauschen, die Nachtigall singt………

Komplettiert wurde das Duo Geiges durch einen Schäferhund, der mindestens genau so alt war wie Frauchen und Herrchen und die meiste Zeit hinterm Tresen döste. Bisweilen gesellte sich auch Paul Winterling zu uns, der dann immer einen „Eversbusch” zu sich nahm (diesen regionalen Doppelwacholder gibt es übrigens immer noch).

Das Weihnachtsstück 1973 hieß „Amaluk und Päbbelbein” mit Premiere in der Aula der Dietrich-Bonhoeffer-Realschule in Schwelm. Ich weiß nicht, wie Paul Winterling auf dieses Stück aufmerksam wurde; heute ist es gänzlich unbekannt. Googelt das mal, und Ihr werdet feststellen, dass Ihr weiter keine Informationen erhalten werdet. Aber das werden wir ab sofort hier und jetzt ändern, indem ich Euch wenigstens ein bisschen darüber berichten werde.

Die Amaluks, merkwürdige schuppige Wesen mit langen Schwänzen, leben in in einem friedlichen Land, dessen Macht von einem Stein abhängt, der alle Bedroher auf der Stelle erstarren lassen und auch wieder erlösen kann. Päbbelbein, der durch und durch böse Gegenspieler der Amaluks, versucht diesen magischen Stein zu stehlen, den die Amaluks verloren haben und nun mit Hilfe zweier Jungen suchen. Keine Angst, es geht gut aus.

Elke Honigmann, über viele Jahre fester Bestandteil des Esembles, war das Amaluk und Adolf Aust, in jener Zeit abonniert auf alle Bösewichter in allen Stücken, war Päbbelbein. Und, oh Wunder: Udo Dülme spielte nicht mit.

Bis nächste Woche
Euer Uwe