40 Jahre - 1974

Kapitel 4 (1974)

von Uwe Weinreich

Schwupps, und schon ist wieder ein Jahr herum. Wir sind nun 3 Jahre alt, und man kann mit Fug und Recht sagen, dass wir laufen gelernt haben. 1974, endlich sind wir in dem Jahr angekommen, in dem ich zum Kindertheater dazustieß.

Ja, eines Tages passierte es. Paul Winterling sprach mich an, ob ich nicht im Kindertheater mitspielen möchte. Das Stück hieß „Zirkus Olalahoo”, und der Name war Programm. Es war ein Stück, das im Zirkus spielte, bunt und laut, mit Musik und Tanz, Artisten und Tieren. Naja, natürlich keine echten Tiere. Die Rolle, die mir Paul Winterling zugedacht hatte, war der „große Clown” (es gab auch noch einen kleinen Clown). Es war die typische Geschichte um Gut und Böse. Ich war bei den Guten und Udo Dülme verkörperte als Zauberer Miraculus das Böse.

Professor Miraculus hatte mit fiesen Zaubertricks die Macht an sich gerissen. Sein Ziel: die Verdummung aller Kinder. King der Letzte, der eigentliche Herrscher, ist pleite und machtlos. Aber die Kinder lassen sich diese Unterdrückung nicht gefallen. Sie wehren sich gegen den Tyrannen – und entdecken den Bluff des Zauberers.

Vielleicht fragt ihr euch jetzt, wie wir überhaupt unsere Stücke fanden? An dieser Stelle sei eingeschoben, dass Paul Winterling die typische Rolle des Theaterpatrons verkörperte. Er hatte das alleinige Sagen, wählte die Stücke aus, die Spielorte und Termine, regelte die Besetzung (wobei es nicht ungewöhnlich war, dass er eine Rolle auch schon mal mehreren Leuten versprach), war für die Logistik des Auf- und Abbaus am Spielort verantwortlich und war eigentlich immer zugegegen. Bei ihm liefen alle Fäden zusammen. Sein Wort war im Theater Gesetz; aber wir hatten niemals das Gefühl, bevormundet zu werden. Für uns war alles ein großer Spaß.

Das allererste, wenn die Proben für ein neues Stück aufgenommen wurden, war das Einstreichen der Textbücher. Gemäß den Anweisungen von Paul Winterling wurden die Texte so verändert (ganz wichtig: immer mit Bleistift), dass sie seinen kritischen Ansprüchen genügten. Es war nicht ungewöhnlich, dass am Ende mehr Geschriebenes als Gedrucktes in den Büchern zu finden war. Dann lernten wir unseren Text, jeder nach seiner eigenen Methode, die mehr oder weniger funktionierte. Wir probten und wir spielten und nahmen das alles sehr leicht, oft zu leicht in den Augen unseres Regisseurs, was Ärger heraufbeschwor.

Apropos Ärger: Paul Winterlings Wutausbrüche waren legendär. Es entlud sich dabei orkanartig, innerhalb kürzester Zeit aus dem Stand eine Flut von Worten, Gemeinplätze, wildeste Flüche  und Beschimpfungen, die ich hier nicht wiederholen möchte. Paul raste vor Zorn – was für ein Schauspiel. Wir kannten diese Ausbrüche mittlerweile und taten das einzig richtige: nichts. Das Ende des Gewitters war meistens ein bühnenreifer Abgang mit schlagenden Türen, dem nach wenigen wenigen Minuten ein erneuter Auftritt folgte. Das Gewitter war vorüber. Wir zeigten uns einsichtig, versprachen Besserung, und alles war wieder in Butter, so als wenn es nie einen Disput gegeben hätte. Paul Winterling und ich verstanden uns vom ersten Tag an, was vielleicht daran lag, dass wir am selben Tag Geburtstag hatten. 

Zirkus Olalahoo, dieses Musical von Heinz Wunderlich war meine Einstiegsdroge zum einen für das Kindertheater und zum anderen für die Rolle als Clown. Die Bretter, die die Welt bedeuten, hatte ich durch Paul Winterling schon vor dem Kindertheater kennengelernt; aber die rote Gumminase war neu für mich und gleichzeitig eine Begegnung der besonderen Art, die bis heute ihre Faszination für mich nicht verloren hat. Und ich sollte im Laufe meines weiteren Theaterlebens noch viele rote Gumminasen tragen. Ich habe immer gern auf der Bühne gestanden, aber besonders gern, wenn ich in eine Clownsrolle schlüpfen konnte. Ich meine damit nicht nur die Clowns, die grell geschminkt leicht auszumachen sind, sondern auch all die Clowns, die Stan Laurel gleich, immer wieder an alltäglichen Dingen scheitern und damit den zuschauenden Kindern so haushoch unterlegen sind, aber doch niemals verzweifeln. Auch im totalen Chaos schöpfen sie noch Hoffnung aus dem letzten übriggebliebenen positiven Fünkchen, um sich wieder aufzubauen, und dann gleich danach erneut ins Unglück zu schlittern.

Das ist meine Rolle: niemals der Weißclown, immer der August. Und ich habe den großen Clown aus Olalahoo geliebt. Ich erinnere ein wunderbares Bühnenbild von Uwe Böhme, in dem es sogar eine Rutsche gab, mit der man als Auftritt mitten auf die Bühne rutschen konnte.

Beim Singen half, wie bereits erwähnt, zu dieser Zeit die Bergische Musikschule bzw. die Musikhochschule. Tänze wurden einstudiert von der Tochter von Paul Winterling, Jutta Schütte, die auch sehr oft ihrem Vater in anderen Dingen zur Hand ging. Wir waren eben eine große Familie, und da muss jeder mit anpacken. Eine Kostümschneiderei wie heute gab es noch nicht. Wir liehen unser Kostüme bei den Wuppertaler Bühnen aus.

„Das ist der Zirkus Olalahoo, der lässt uns lachen, der macht uns froh.” Keine Angst, ich singe nicht weiter.

Im Frühherbst spielten wir zum ersten Mal ein Stück des damals sehr berühmten, aber auch umstrittenen Berliner Grips Theaters von Volker Ludwig. Das Stück hieß „Ruhe im Karton”, war gerade erst ein Jahr alt und handelte in typischer Grips-Manier von Eltern-Kinder-Konflikten. Ihr müsst wissen, dass der politische Umbruch in den frühen 70er Jahren auch vor den Kindertheatern nicht Halt machte. Es kam nicht mehr allein darauf an, Kindern Spaß zu bereiten oder sie einfach nur zu unterhalten, sondern es musste auch immer eine Botschaft transportiert werden. Es sollte pädagogisch wertvoll sein. Pädagogische Kindertheaterstücke waren in Mode, und es wuchsen Kindertheater heran wie „Grips”, aber auch „Rote Grütze”, die sich einzig dieser Idee verschrieben. Es war ein gar nicht so leichtes Unterfangen, sich in dieser Zeit zwischen Märchen und politischem Kindertheater zu positionieren. Paul Winterling ist das gelungen.

Im Gegensatz zu „Grips” besetzten wir unsere Kinderrollen mit Kindern und nicht mit jungen Erwachsenen, die Kinder spielen. Das haben wir bis heute beibehalten und es ist sicherlich eins unserer Markenzeichen geworden. Heute, da wir eine Theaterschule haben, ist das sicherlich einfacher geworden. In den Siebzigern war das schon etwas schwieriger. Da musste oft im Bekannten- und Verwandtenkreis herumgefragt werden, ob jemand ein Kind, einen Jugendlichen kennen würde, der Spaß am Theaterspielen hätte.

Bei Ruhe im Karton geht es um die Geschwister Ulli und Britta, die Ärger mit ihren Eltern haben. Immer heißt es nur: "Wirst du wohl ruhig sein!" oder "Halt den Mund!" oder "Jetzt herrscht Ruhe im Karton!" Wenn die Kinder etwas  von den Eltern wollen, sei es Hilfe oder der Wunsch zu spielen, ist dafür keine Zeit. Am Abend wird schließlich, wenn alle zu Hause sind, ferngesehen. Als eines schönen Wochenendes der Fernsehapparat kaputt geht, steht für den Vater fest: Das Wochenende ist im Eimer! Aber es kommt alles ganz anders.

Im Ohr hab ich noch heute das Lied: Wir werden immer größer, jeden Tag ein Stück. Wir werden immer größer, das ist ein Glück. Große bleiben gleich groß oder schrumpeln ein. Wir werden immer größer, ganz von allein.

Sollte es jemals dazu kommen, dass ich die gesammelten 40 Jahre als Hörbuch veröffentliche, werde ich es euch vorsingen.

Udo Dülme und Silvia Rieburg spielten das Elternpaar. Vielleicht kommt euch der Name Silvia Rieburg bekannt vor. Einige werden sich noch an das Modegeschäft Silvia Rieburg in der Luisenstraße in Wuppertal-Elberfeld erinnern, das sie über viele Jahre führte. Silvia wechselte nach ihrem ersten Ausflug auf die Bühne in die „Verwaltung” des Theaters, d.h. sie ging Paul Winterling zur Hand, statt auf der Bühne zu stehen. Den Begriff „Regieassistent” kannten wir noch nicht. Zu ihren Aufgaben gehörte u.a. zur ersten Probe im Monat die „Probengelder” auszuzahlen. Es gab zu der Zeit 5 DM Probengeld pro Probe, eine Art Aufwandsentschädigung, die bar ausgezahlt wurde und die vielen half, sich das eine oder andere Bier bei „Omma Geiges” zu leisten.

„Ruhe im Karton” blieb nicht das letzte Grips-Stück des Kindertheaters.

Und schon ist wieder Weihnachten, und „Ali Baba und die 40 Räuber” steht auf dem Spielplan. Paul Winterling hatte einen besonderen Faible für orientalische Märchen, wobei er sich direkt eins der schwierigsten ausgesucht hatte. Denn bei diesem Märchen gibt es für eine Bühne immer das gleiche Problem: „Wie besetze ich die 40 Räuber?” Zum einen könnte man 40 Darsteller nicht bezahlen, zum anderen passen keine 40 Räuber gleichzeitig auf die meisten Bühnen. Also versucht man zu mogeln. Man versucht die Handvoll Räuber so auftreten zu lassen als seien sie die 40, die man braucht. Paul Winterling löste das Problem, indem er seine Räuber links von der Bühne schickte, sie dann hinter dem Bühnenbild schnell nach rechts laufen ließ, um sie als „neue” Räuber rechts wieder auftreten zu lassen.

In diesem speziellen Fall gab es aber auch noch andere Beweggründe, dieses Stück zu spielen. Ich hatte euch ja schon erzählt, dass Paul Winterling neben dem Kindertheater noch viele andere freie Gruppen betreute. Dazu gehörte auch eine Kindergruppe in der Elberfelder Marienstraße. Auf der Suche nach einem Stück, in dem möglichst viele Kinder unterzubringen sind, kam Paul Winterling zwangsläufig auf „Ali Baba”. Es war also in erster Linie eine Produktion für die Marienstraße, wechselte dann aber später ins Kindertheater.

Eines der Kinder aus dieser Gruppe war Michael Höhne, der nach dieser Produktion auch mit dem Kindertheatervirus infiziert war und von Stund an eines der jüngsten Ensemblemitglieder war. Es gab zu diesem Zeitpunkt noch einen anderen Michael. Michael Karp war schon in der allerersten Produktion „Räuber Hotzenplotz” dabei. Um die beiden Michaels zu unterscheiden, wurde Michael Höhne ab sofort nur noch der „kleine Michael” genannt, und so nennen wir ihn auch noch heute, auch wenn das für Außenstehende merkwürdig klingen mag. In den nächsten Wochen werdet ihr von beiden Michaels noch sehr viel mehr hören. Ein anderer, der ebenfalls aus dieser Gruppe hervorging und über viele Jahre im Ensemble mitwirkte, war Helge Könnemann. Gesungen wurde auch wieder viel.

Noch eine Anekdote am Rand: In diesem Märchen ist eine der Hauptfiguren die schöne Morgiane. Sie muss soooo schön gewesen sein, dass jemand sich unsterblich in sie verliebte, nachdem er das Stück gesehen hatte. Die einfachste Art, ihr näher zu kommen war, ebenfalls zum Kindertheater zu gehen… Von Morgiane haben wir nie wieder etwas gehört; aber Tobias Uhl ist immer noch dabei.

2005 spielten wir übrigens wieder Ali Baba und zauberten, was die 40 Räuber betrifft, eine ganz andere Lösung aus dem Hut, im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Hut; aber mehr darüber wird erst in einigen Wochen verraten.

Bis nächste Woche
Euer Uwe