40 Jahre - 1975

Kapitel 5 (1975)

von Uwe Weinreich

Wir sind im Jahr 1975 angekommen, und dass die Zeiten sich geändert haben, ist daran ersichtlich, dass in diesem Frühjahr ein Theaterstück ausgewählt wurde, das sich dem Thema Umweltschutz widmete.  (Wohlgemerkt, eine Partei „Die Grünen” gab es noch nicht einmal im Ansatz.)

Ich hatte euch ja schon letzte Woche erzählt, dass wir in unruhigen Zeiten, Zeiten großer Veränderungen lebten. Laut Berechnung der Zeugen Jehovas hätte in diesem Jahr die Welt untergehen sollen, was sich allerdings nicht bewahrheitete. Allerdings brachen in China 61 Staudämme und über 200.000 Menschen verunglückten, und eine 15 Meter hohe Flutwelle suchte Hawaii heim. Nein, ich bin nicht ins Jahr 2011 abgerutscht, wir sind noch im Jahr 1975: Bill Gates und Paul Allen gründen „Microsoft” (Danke Billy, dass du es mir leicht machst, jede Woche diesen Text zu verfassen); und obwohl die schwedische Pop-Gruppe ABBA schwer angesagt war, hielt der Punk Einzug in die Musik. …unruhige Zeiten eben.

Wir spielten also ein Theaterstück zum Thema Umweltschutz, und zwar Kladderadatsch vom Autorengespann Möbius und Wunderlich (die Uraufführung war gerade ein Jahr her). Darin geht es um zwei Typen, die es mit dem Umweltschutz nicht so genau nehmen. Nein, man muss schon sagen, die geradezu Gefallen daran finden, ihren Müll gleichmäßig in der Welt zu verteilen. Es ist ein pädagogisches Stück, das aber den Kindern tolle Unterhaltung bietet, da neben der Botschaft zum Umweltschutz vor allem zwei Tollpatsche für gehörigen Spaß sorgen. Diese zwei Tollpatsche waren Udo Dülme und ich, und es war der Beginn eines Gespanns, das von jetzt ab noch öfter auf der Bühne zu sehen sein sollte.

So ein Schauspielerduo gibt es oft: einer schlau, der andere dumm (oder in Wahrheit umgekehrt?) Sie heißen z. B. Laurel und Hardy, Kinder kennen sie auch als Pettersson und Findus, als Kleiner Bär und Kleiner Tiger oder als Weißclown und August. Warum ich Tiger und Bär nenne, werdet ihr spätestens in 10 Jahren verstehen, also im Jahr 1985. Solange müsst ihr euch schon noch gedulden. Und jetzt fragt bitte nicht, wer von uns beiden der Schlaue und welcher der Dumme war. Keine Idee? – Zur Strafe jetzt sofort noch einmal „1974” lesen.

Zurück zu Kladderadatsch und einer Anekdote: Zu der Zeit wurde immer an den gleichen Orten gespielt. Wir hatten viele Gastspiele. Einen festen Ort, ähnlich unserem heutigen Domizil im Berufskolleg Elberfeld, hatten wir noch nicht. Wir spielten, wo immer man uns ließ, allerdings waren unsere Anforderungen z. B. an technische Voraussetzungen auch noch nicht so hoch wie heute.

Die letzte Vorstellung fand immer in Wuppertal-Langerfeld in der Schule in der Fleute statt. Der Hausmeister hieß Schmidt und war uns als Mitglied der Kulturgemeinde Volksbühne sehr zugetan. Ach, was red’ ich: wir mochten ihn und er uns. Wir spielten dort in Ermangelung einer Aula in der Turnhalle. Die gesamte Halle musste immer mit Gummimatten ausgelegt werden, da es verboten war, die Halle mit Straßenschuhen zu betreten. Außerdem mussten die riesigen Fenster mit schwarzen Vorhängen versehen werden, da die Halle nicht zu verdunkeln war. Ich bewundere noch heute unsere Techniker, die sich Hochseilartisten gleich mit langen Leitern in luftiger Höhe bewegten, um die schwarzen Hänger anzubringen.

Diese letzte Vorstellung, die sogenannte Derniere, war immer etwas Besonderes. Wir feierten auf unsere Art den Abschied von einem Stück, das für eine kurze, aber sehr intensive Zeit ein Teil unseres Lebens gewesen war. Es hatte sich eingebürgert, dass man während des Stücks immer etwas passieren ließ, das so durch den Autor und schon gar nicht durch den Regisseur vorgegeben war. Paul Winterling hätte es auch nicht gebilligt. Trotzdem setzten wir uns darüber hinweg. Es war fast schon wie ein Sport geworden. Die, die es während der Vorstellung traf, wussten natürlich nichts davon. Zu unserer Ehrenrettung muss man allerdings sagen, dass es sich immer um „intelligente Späße” handelte, von denen die Zuschauer in der Regel nichts mitbekamen, außer sie hatten das Stück bereits vorher in der Originalversion gesehen.

Also, wir sind noch immer bei Kladderadatsch, letzte Vorstellung in Langerfeld: Wir zwei Gauner verteilten nach einem Picknick Müll im Wald. In unserem Überschwang, dass uns sowieso keiner erwischt, riefen wir laut Text nach dem Oberförster, der natürlich nicht kam. Die Oberförsterrolle gab es gar nicht – nicht bis zur letzten Vorstellung.

„Herr Oberförster, Herr Oooooberförster!!!”

Plötzlich schluffte er über die Bühne, der Oberförster, in grünem Rock, geschminkt und mit Flinte über der Schulter. Hätte nur noch gefehlt, dass er einen Dackel an seiner Seite gehabt hätte. Aber auch ohne Hund war er täuschend echt. Und nicht nur, dass er plötzlich vor uns stand, sondern auf unseren Satz: „ Herr Förster, Herr Oberförster”, sagte er auch noch:„Ja, was ist denn?”

Schock bei Udo und mir. Glaubt mir, in diesem Moment denkt ihr, jemand hätte die Zeit angehalten. Ihr sucht nach einer Chance, aus dieser Situation herauszukommen, und ihr, die ihr sonst schlagfertig und gewitzt seid, euch fällt ums Verrecken nichts ein, wenigstens nichts Gescheites.

Ich weiß nicht mehr, was wir antworteten, wie wir aus dieser Nummer herauskamen; aber es war ein im Nachhinein ein gelungener Scherz. Im Laufe der Jahre fallen mir bestimmt noch ein paar mehr dieser „letzten Scherze” ein. Den Oberförster spielte damals Adolf Aust, den ich euch bereits als den Bösewicht vom Dienst in den 70ern vorgestellt habe.

Nach Kladderadatsch stand „Wir reisen ins Schlaraffenland” auf dem Plan. Mit diesem Theaterstück probierte Paul Winterling zum ersten Mal eine neue Form des Kindertheaters aus, die des alternativen Theaters. Sie zeichnete sich dadurch aus, dass man nicht mehr eine bestehende Geschichte festgefügt und geplant in statischem Bühnenbild erzählte, sondern neue Wege ging, indem man die Geschichte mit wenigen Requisiten während der Aufführung entwickelte. Der Zuschauer sollte das Gefühl haben, er sei an der Entstehung der Geschichte beteiligt, ja er könne sie sogar beeinflussen. Die Schauspieler mussten sehr flexibel agieren können, viel Spaß am Improvisieren haben und ein hohes Maß an Konzentration aufbringen, fehlte es doch an einem für viele Schauspieler so wichtigem Stützkorsett, dem Bühnenbild, dem Kostüm, der Schminke und dem festgefügten Text. Nun soll man nicht denken, diese Art von Theater müsste nicht geprobt werden. Ganz im Gegenteil, es wurde viel mehr geprobt, da es viel stärker auf die Ensembleleistung und das miteinander agieren ankam.

Wenn man zusammenhält, dann kommt man ins Schlaraffenland. Also versuchen Jakob und seine Freunde, auf dem Dachboden des Hauses ein Schlaraffenland aufzubauen – mit viel Gerümpel und Phantasie. Aber warum haben sie eine Königin und einen König eingesetzt? Gibt es denn kein Schlaraffenland ohne Herrscher?

Parallel zu dieser Art neuen Theaters baute Paul Winterling weiterhin auf seine Kindertheatergruppe der Marienstraße, die ich euch ja schon letzte Woche vorgestellt habe und die er geschickt mit uns „Alten” vermischte. Diese neue Art des Kindertheaters kam sehr gut an, sodass es nicht bei dem einen Stück blieb. „Wir bauen Wolkenkuckuckshausen” und „Die Stadt der Tiere” in den Folgejahren verfolgten ein ähnliches Konzept.

Paul Winterling wurde immer wieder gefragt, ob er nicht zu diversen Stadtfesten oder sonstigen Feiern etwas beisteuern könnte. Um diese Anfragen bedienen zu können, studierten wir diverse kurze Clownsnummern ein, typische Clown-Entrées, wie Ihr sie aus jedem Zirkus kennt. Wir haben diese Idee einer sehr mobilen „kleinen” Inszenierung vor wenigen Jahren wieder aufgegriffen mit unseren „Kofferstücken” („Die kleine Zoogeschichte” und „Die Kuh Rosmarie”).

Von Stund an war kein Stadtfest mehr vor uns sicher. Das war eine große Erfahrung. Egal ob draußen oder drinnen, keine Bühne, kein Licht, keine Mikrofone: Spielen inmitten der Zuschauer nur mit ein paar Requisiten und einer roten Gumminase. Wir hatten insgesamt 5 Nummern auf Lager und an eine der Nummern erinnere ich mich besonders, ihr Name ist „Bienchen, gib mir Honig”. Sie ist ein absoluter Klassiker, und es könnte passieren, dass sie euch bekannt vorkommt, weil auch Zirkusdirektor Bernhard Paul vom Zirkus Roncalli als Clown Zippo sie immer wieder gerne zeigt.

Das letzte Stück des Jahres 1975 war das Märchen „Das wunderbare Feuerzeug” von Hans Christian Andersen. Laut meinen Unterlagen, habe ich in dem Stück auch mitgespielt (man muss sich ja nicht an alles bis ins Detail erinnern, oder?). Da aber kein Clown in dem Stück mitspielt und mir eine Prinzenrolle auch nie angetragen wurde, werde ich wohl den König gespielt haben, aber mit Sicherheit einen König, der ein wenig „neben der Spur” regierte, also etwas schusselig war, wenn ihr versteht, was ich meine.

Das Märchen „Das Feuerzeug”, von Hans Christian Andersen 1835 erstmalig erzählt, schildert die Geschichte eines jungen Soldaten, der in den Besitz eines „magischen Feuerzeugs” kommt. Wann immer er es benutzt, kommen 3 Hunde herbei, um ihm seine Wünsche zu erfüllen. Und was wünscht sich ein Mann, wenn er schon alles hat (wie Silber und Gold)? Richtig, die schöne Königstochter. Und wenn sie nicht gestorben sind…

Dieses Stück war in zweierlei Hinsicht interessant, erstens stiftete es einige Jahre später die erste „Kindertheaterehe” zwischen Elke Honigmann und Dieter Weitz, und zweitens traten Thekla und Guido von Kaulla auf den Plan, ein Autorengespann, das für die typische Art von Weihnachtsmärchen der 60er und 70er Jahre steht. Die Texte waren natürlich hauptsächlich auf Stadttheater zugeschnitten, wo es darum ging, immer ein großes Ensemble inklusive Ballett zu beschäftigen. Letzteres hatte zwar oft mit der Handlung nichts zu tun, aber man schrieb z. B. einfach einen „Tanz der Glockenblumen” in das Stück hinein. Auch mutete uns der Text schon etwas altertümlich und verstaubt an. Nie wieder haben wir in Textbüchern soviel gestrichen und umgeschrieben; aber Paul Winterling ließ nichts auf die Kaullas kommen, weil er meinte, dass sie eine vorzügliche Art hätten, eine Handlung zu bauen.

Wir griffen bei Märchenstücken noch oft auf Kaulla zurück.

Ach, und bevor ich es vergesse, ich lernte in diesem Jahr meine Frau kennen. Nein, nicht beim Kindertheater, was allerdings nicht heißt, dass sie nicht auch eine Liebe zu unserem Theater entwickelte, die immerhin auch bis zum heutigen Tag gehalten hat.

Bis nächste Woche
Euer Uwe