40 Jahre - 1976

Kapitel 6 (1976)

von Uwe Weinreich

Die ersten 5 Jahre des Kindertheaters sind vergangen, und man kann guten Gewissens sagen, dass das Theater zu einer festen Größe in Wuppertal geworden ist. Paul Winterling und Uwe Böhme, umgeben von einer Schar junger Enthusiasten, für die das Kindertheater einfach alles war: Familie, Freizeit, Freundschaft, Glück.

Im Frühjahr spielten wir „Nucki darf alles”, das in einem Ferienheim spielte, in dem der Affe Nucki alles und die Kinder nichts durften; denn Ordnung wird groß geschrieben in Tante Amalies Ferienheim, und Spaß gibt´s nur wenig! Das muss anders werden!, finden Nick, Bine, Mäx und Paulchen, und die lustige Helen steht ganz auf ihrer Seite. Der einzige Lichtblick im Heim ist der Affe Nucki. Ob es den Kindern mit seiner Hilfe gelingt, die Tante umzuwandeln? Na klar gelingt es. Ja, ihr habt richtig zwischen den Zeilen gelesen. Auch hier gab es einen pädagogischen Zeigefinger, allerdings einen ganz kleinen.

Obwohl das Stück selbst nicht besonders nachhaltig ist, war es doch ein Meilenstein im Kindertheater. Es war die erste Zusammenarbeit mit dem Musiker Matthias Burkert. Während bis dato Paul Winterling immer auf seinen festen Bühnenbildner Uwe Böhme zurückgriff, wurde die Musik von wechselnden Musikern erstellt. Dies änderte sich schlagartig im Frühjahr 1976. Matthias komponierte für die Stücke die Musik, nicht nur zu singende Lieder, sondern auch alle Arten von Geräuschen und Untermalungen, Zwischen- und Umbaumusiken. Er nahm alles auf Tonband auf, schnitt die Bänder und studierte mit uns die Lieder ein.

Das waren immer ganz besondere Extraproben: „Matthias, so hoch kann ich nicht singen!” – „Matthias, das ist viel zu schnell!” Das alles brachte ihn nicht aus der Ruhe. Er probte mit uns wieder und wieder, bis wir es endlich konnten. Es muss dazu gesagt werden, dass wir auch größere Hallen allein mit einer kleinen Tonanlage und 3 Mikrofonen in der Beleuchtungsbrücke beschallten. Da gab es keine Microports oder ähnliches, was die Stimme verstärken konnte.

Die von Matthias komponierten Lieder entwickelten sich gerne zu Ohrwürmern, und einige seiner Lieder pfeife ich manchmal heute noch. Mattias Burkert wurde eine feste Größe des Theaters und drückte 75 (!) Inszenierungen des Wuppertaler Kinder- und Jugendtheaters seinen musikalischen Stempel auf. Auch in späteren Jahren, als er schon längst zum musikalischen Assistenten Pina Bauschs avanciert war, hielt er dem Kindertheater die Treue, was sicherlich bei all der Reisetätigkeit der Companie nicht so ganz einfach war.

Im Sommer wagte Paul Winterling etwas Neues: er inszenierte zum ersten und einzigen Mal 2 kurze Stücke hintereinander „Das chinesische Zauberfass”, in dem um das bekannte Lied „Zwei Chinesen mit dem Kontrabass” mit seinen Variationen ein Kreis-Spiel entstand, und „Pampelmus und Blechpott”, ein Stück zur Außenseiterthematik. Es blieb bei dem einen Mal, statt einem längerem zwei kurze Stücke zu spielen. Und es ist damit auch das einzige Mal in all den Jahren gewesen, dass es eine Theater-Pause gab. Ja, ihr habt richtig gehört. Bei uns war es bis heute ehernes Gesetz, eine Inszenierung nicht durch eine Pause zu unterbrechen bzw. eine gute Geschichte und deren Spannungsbogen nicht in 2 Teile zu zerreißen.

Zu Weihnachten stand wieder ein ausgesprochener Märchenklassiker auf dem Programm: „Die Bremer Stadtmusikanten”. Ein Stück mit 4 Tieren und 3 dümmlichen Räubern, gepiesackt von einer die Peitsche schwingenden Räuberhauptmännin (oder heißt es Räuberhauptfrau?), da war der Spaß vorprogrammiert. Udo und ich spielten beide mit, er den Esel und ich neben Dieter Weitz und Michael Höhne einen dümmlichen Räuber. Und wenn ich soeben von Matthias Burkerts Liedern erzählt habe, so sind die Bremer Stadtmusikanten ein gutes Beispiel für seine Ohrwürmer. Während ich das hier schreibe, geht mir die Melodie durch den Kopf:

Wir sind die Bremer Stadtmusikanten, und wir ziehen durch das ganze Land.
Wir sind die überall bekannten, und wir bauen unser Glück nicht auf Sand.

Anne Linsel schrieb am 8.11. in der NRZ:

„Großer Andrang im Haus der Jugend. Viele Mütter mit ihren Kindern, die nichts vom Kartenvorverkauf wussten, mussten wieder nach Hause gehen. Der Saal im zweiten Stock war voll bis auf den letzten Platz. Es ist anzunehmen, dass fast alle kleinen und großen Zuschauer dieses Märchen vom Esel, Hund, von der Katze und dem Hahn recht gut kennen.
Dass es trotzdem im Saal nie unruhig wurde, ist dem frisch, flotten, fröhlichen Spiel der Akteure zu verdanken. In viel bewunderten Kostümen, auf einer prächtigen und praktikablen Bühne, sangen und sprachen sie ihre Texte mit Musikalität und Schwung. Eine beachtenswerte Leistung für alle Mitspieler, unter denen keiner professioneller Schauspieler ist.”

Das Stück war ein echter Abräumer, und wir nutzten die Popularität auch für einen Werbefeldzug in der Elberfelder und Barmer Innenstadt. Ein LKW diente als Bühne, mit dem wir uns auf dem Barmer Rathausplatz und auf dem Von-der-Heydt-Platz postierten und für mächtig Tohuwabohu sorgten. Sogar ein Klavier war auf dem LKW installiert, sodass Matthias Burkert in Tasten hauen konnte. Udo blies als Esel die Tuba, und wir sangen dazu unsere Lieder. Beschwerde gab es nur aus einem nahegelegenen Kaufhaus, dass wir die ganze Kundschaft vom Einkauf abhielten. Manchmal muss halt der Kommerz der Kunst weichen.

Noch etwas ist mir in Verbindung mit den Bremer Stadtmusikanten in Erinnerung geblieben: Udo Dülmes kleiner Sohn Jens, der sich das Stück sehr oft anschaute, war mächtig stolz auf seinen Vater, der da auf der Bühne stand, und erzählte jedem der anderen Kinder im Zuschauerraum: „Mein Vater ist der Esel!” Diesen Satz musste Udo Dülme sich danach noch oft anhören, und jetzt haben wir ihn sogar schriftlich dokumentiert. Christoph Dülme wurde übrigens Jahre später einer der tragenden Säulen unserer Technik.

Ich erinnere mich überhaupt an viele äußerst bunte und lebhafte Vorstellungen, was sicher nicht nur daran lag, dass ich in jeder Vorstellung zur Freude der Kinder einen Eimer Wasser über den Kopf bekam. Kein Scherz, es war wirklich 5 Liter kaltes Wasser im Eimer, und gefühlt waren es sogar 20 Liter. Mein Kostüm musste nach jeder Vorstellung getrocknet werden. Auch das gehört zum Theaterspielen, man wird nass, macht sich schmutzig, holt sich blaue Flecken, spielt auch noch, wenn man eigentlich krank ins Bett gehörte. Aber das alles wird durch den ungeheuren Spaß wett gemacht und durch 500 blanke Kinderaugen.

Bis nächste Woche
Euer Uwe