40 Jahre - 1977

Kapitel 7 (1977)

von Uwe Weinreich

In meinem Rückblick auf die frühen Jahre des Kindertheaters gibt es Jahre, da fällt es mir leicht, etwas zu schreiben. Mit anderen Jahren wiederum tue ich mich schwer, vor allem, wenn ich selbst nicht tätig war. Mit 1977 hab ich‘s supereinfach, weil das ein ganz, ganz besonderes Jahr für mich war: Ich schrieb mein erstes Theaterstück, das sogar den kritischen Augen Paul Winterlings standhielt und aufgeführt wurde, uraufgeführt wurde; aber damit nicht genug. Paul Winterling gab meinem Drängen nach und übernahm selbst eine Rolle in dem Stück, wenn auch eine stumme.

Aber der Reihe nach: Das Stück hieß „Treffpunkt Null Uhr Lattenzaun”, war ein bisschen Krimi, ein bisschen Fantasterei mit obskuren Erfindungen und ganz viel Spielspaß. Es wirkten Kinder mit, und es endete in einem großen Tohuwabohu-Happy-End mit „Klömpkes für alle” (für Nicht-Wuppertaler: „Bonbons für alle”).

Und mir selbst hatte ich auch eine Rolle zugedacht (nein, kein Clown). Ich spielte den Ausdenker, also den, der sich just in dem Moment, in dem das Stück vor den Kindern spielte, die Geschichte ausdachte und gemeinsam mit den Zuschauern weiterbrachte. Das fing schon damit an, dass die 3 Kinder im Stück als erstes von den Zuschauern Vornamen bekamen, jedesmal natürlich andere. Und auch ansonsten griff der Ausdenker immer wieder vom Rand der Bühne ins Spielgeschehen ein und trieb die Handlung mit Hilfe der Zuschauer weiter.

Die Handlung selbst ist kurz erzählt: Der Erfinder Jonathan Starkstrom (Udo Dülme), Vater zweier Kinder, hat in seiner Kellerwerkstatt etwas Revolutionäres entwickelt: den Riesenfernseher „Superschauwieschön”, der es möglich macht, die Helden aus den verschiedenen Fernsehserien leibhaftig aus der Handlung heraustreten zu lassen. Diese Erfindung ruft erstens Ganoven auf den Plan, die sich des Fernsehers bemächtigen wollen und zweitens verführt es die Kinder dazu, heimlich nachts den Fernseher auszuprobieren. Komplettiert wird das Ganze noch durch die überaus nette, alleinerziehende Nachbarin Sabine Pfiffig (Angelika Armonier) mit ihrem Sohn, womit das Stück auch noch durch eine Prise Liebe überm Gartenzaun angereichert wurde.

Aus dem Fernseher treten dann tatsächlich 3 damals sehr berühmte Fernsehhelden, Kwai Chang Caine, von Michael Karp dargestellt (die Fernsehserie Kung Fu machte sowohl die Kampfsportart als auch den Schauspieler David Carradine weltberühmt), Pan Tau, gespielt von Paul Winterling, aus der gleichnamigen tschechischen Kinderserie und das Krümelmonster aus der Sesamstraße. In letzterem steckte Paul Denstädt, der in dieser schweißtreibenden Rolle des Kekse fressenden Krümelmonsters zum heimlichen Star des Stücks wurde. Allen 3 gemeinsam war, dass sie in den Fernsehserien strahlende Helden waren, im wirklichen Leben aber jämmerlich versagten.

Axel Behr von der Westdeutschen Zeitung schrieb am 7. Juni 1977:
„Zweifellos ist dieses Stück das beste, was die Kindertheatergruppe der Wuppertaler Volksbühne jemals gemacht hat. (…) 'Treffpunkt Null Uhr Lattenzaun' ist ein Volksstück für Kinder, kindliche Fernsehwütigkeit wird attackiert, ein kleiner pädagogischer Fingerzeig in einem fröhlichen Kinderstück, das zeitgemäß, intelligent und kindgerecht geschrieben und inszeniert wurde. Ein großer Schritt nach vorne für die Wuppertaler Volksbühne.”

In diesem Stück war fast die gesamte erste Garde des Ensembles vereint (zu den bereits genannten kam noch Siegfried Noll als Gauner Ede), was mich neben der Tatsache, dass Paul Winterling selbst auftrat, doppelt stolz machte. Es war überhaupt ein wirklich unbeschreibliches Gefühl für mich, mit und in meinem ersten selbstgeschriebenen Stück auf der Bühne zu stehen. Das war einfach… einfach unbeschreiblich schön, und auch noch nach 34 Jahren versetzt es mir ein wohliges Kribbeln, wenn ich mich an die Aufführungen und an dieses tolle Ensemble erinnere.

Die Kritik feierte das Stück vor allem, weil es nicht dem in den Köpfen der Medienvertreter bestehenden Klischee entsprach, dass das Kindertheater der Kulturgemeinde Volksbühne nur verstaubt konservative Märchen und Friede-Freude-Eierkuchenstücke spielen konnte. Dies traf objektiv natürlich nicht zu; aber wir hatten immer wieder den Spagat hinzukriegen zwischen dem Anspruch, qualitativ hochwertige Stücke zu präsentieren und andererseits volle Zuschauerränge zu haben. Leider geht dies bis heute oft konträr. Aber „Lattenzaun” lief prima bei Presse und Zuschauern.

Und noch etwas war neu: Es gab zum ersten Mal auf einem Theaterzettel den Begriff des Regieassistenten. Paul Winterling, bis dato Herrscher über alles, sah ein, dass er sich nicht mehr um jedes Detail kümmern konnte. Dieter Weitz und ich teilten uns in diesem Stück diese Aufgabe.

Treffpunkt Null Uhr Lattenzaun” wurde abgelöst durch „Wir bauen Wolkenkuckuckshausen”, von den gleichen Autoren wie „Wir reisen ins Schlaraffenland”, das ihr ja schon kennt. Auch hier improvisierte eine Schar von Kindern auf der Bühne und erschuf sich ihre eigene Welt, eine Stadt nur für Kinder. Mit Mühe tauschen sie sich die Kisten zusammen, aus denen die Stadt entsteht. Aber auch hier herrschen die absurden Regeln dieser Welt: Kalle will die größte Burg für sich beanspruchen und der Herrscher sein. Was tun? Wie lassen sich die Ideen einer gemeinsamen Stadt mit gleichem Recht für alle realisieren? Auch diesmal war uns, wie schon beim „Schlaraffenland”, Erfolg beschieden. Es war einfach eine große Freude, die 7 jungen Akteure auf der Bühne zu erleben.

Das letzte Stück war traditionell wieder ein Märchen „Das tapfere Schneiderlein”. Die Hauptrolle übernahm Michael Karp, der zu der Zeit ebenfalls zu den vielbeschäftigten Ensemblemitgliedern zählte. Ich durfte einen der beiden Riesen verkörpern, die sich gegenseitig mit ihren Keulen totschlagen. Um auf Riesengröße zu kommen, trugen wir eigens angefertigte Schuhe mit überhoher Plateausohle. Es brauchte einige Übung, um sich auf der Bühne damit zu bewegen; aber uns beiden Riesen (den zweiten Riesen gab Dieter Weitz) machte es im wahrsten Sinne des Wortes Riesenspaß, uns gegenseitig mit unseren Schaumgummikeulen bis zum bitteren Ende zu drangsalieren.

Weil wir ja nun beide tot waren, durften wir uns umziehen und gleich noch gemeinsam das Einhorn sein. Ich war das Vorderteil und gab damit nicht nur die Richtung vor, in die das Einhorn zu laufen hatte, sondern hatte in beiden Händen auch noch zwei Gummibälle, die mit jeweils einem Schlauch mit Augen und Nüstern des Tieres verbunden waren. So war ich in der Lage dafür zu sorgen, sehr zur Freude der Kinder, dass das Einhorn aus den Nüstern dampfte und aus den Augen Tränen spritzte. Autoren dieses Stücks waren wieder Thekla und Guido von Kaulla. Ihr kennt sie ja bereits aus früheren Jahren.

Es war wieder viel los auf der Bühne, bis zum Schluss der Schneider die Prinzessin (Angelika Armonier) heiraten durfte. Auch sie wurden im späteren Leben ein Paar, was bestätigt, wie wahr meine These ist, dass das Ensemble in den 70er Jahren rund um die Uhr mit Haut und Haar Kindertheater war.

Das siebente Kindertheaterjahr geht zu Ende, und es war nicht das verflixte 7. Jahr. Ganz im Gegenteil – wir hatten so langsam das Gefühl, dass es rund lief. Dies konnte unser Träger, die Kulturgemeine Volksbühne nicht behaupten, wurden doch Zusagen des Landes NRW, das Kindertheater in gleicher Höhe zu bezuschussen wie seitens der Stadt Wuppertal nicht eingehalten.

Bis nächste Woche
Euer Uwe

PS: Sollten euch aus 40 Jahren Kindertheater irgendwelche Anekdoten, Begebenheiten, Erlebtes oder Erzähltes einfallen, so schreibt mir doch bitte. Auch haltet euch nicht zurück, wenn ihr in dem von mir bereits zu Papier gebrachten Kapiteln Fehler entdeckt. Ich sagte ja bereits, dass das alles eine sehr subjektive Sicht der Dinge ist, und über 40 Jahre verändern sich Geschichten schon mal. Die Kontaktdaten des Theaters findet Ihr hier auf der Seite unter Kontakt.