40 Jahre - 1978

 

Kapitel 8 (1978)

von Uwe Weinreich

1978 wurden wir international, d.h. es kamen Autoren zum Zuge, die aus Italien, den USA und aus Deutschland stammten. Aufgrund der guten Erfahrungen mit der Kindertheaterreihe „Kinder spielen für Kinder“ mit Stücken wie „Wir reisen ins Schlaraffenland“ oder „Wir bauen Wolkenkuckuckshausen“ griff Paul Winterling diese Art der Inszenierung erneut auf und brachte als erstes Stück des Jahres 1978 „Die Stadt der Tiere“ von Carlo Formigoni heraus. Ihr habt es sofort gemerkt, unser Autor ist ein Italiener, und das Stück heisst im Original „La citta degli animali“.

Ahhh, das klingt doch wie Musik, wie der Titel einer Verdi Oper. Aber dieses Stück hat seine ganz eigene Entstehungsgeschichte, wurde es doch von den Kindern der zweiten Volksschulklasse „Re Umberto“ in Turin unter der Anleitung ihres Lehrers Franco Senfilippo erfunden und von den Schülern des Kurses für Schausspielausbildung am Teatro Stabile unter Carlo Formigoni realisiert. Gezeigt wird: „Die Entführung eines Kindes und das Unglück einer Mutter, die das Kind wieder finden will… Aber alles in Form eines improvisierenden Spiels, in dem die Eltern bei einem Picknick auf einen seltsamen Zauberer treffen, der die ganze Stadt in Tiere verwandelt... Und am Ende ist alles nur ein Traum gewesen."

Von Italien aus gehen wir nach Amerika, um dort einen Autor zu treffen, der für mich einer der uramerikanischsten überhaupt ist: Mark Twain. Wer hat nicht Huckleberry Finn und Tom Saywer gelesen? Wir spielten allerdings nicht einen seiner beiden Klassiker sondern mit „Der Prinz und der Betteljunge“ ein eher unbekannteres Stück, wiedereinmal in der Bühnenbearbeitung durch Thekla und Guido von Kaulla. Tom ist ein Betteljunge, der sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal in seinem Leben ein richtiger Prinz zu sein. Edward hingegen ist ein Prinz, der sehr gerne einmal als einfacher Bettler leben möchte. Durch Zufall treffen sich die beiden Jungen, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen, am Eingangstor des Königsschlosses. Heimlich tauschen sie ihre Kleider und machen sich auf den Weg, um fortan das Leben des anderen zu führen. Sofort tappt Tom, der die am Hofe üblichen Verhaltensweisen nicht kennt, von einem Fettnäpfchen ins andere. Noch ärger ergeht es Edward: er wird in seiner neuen Rolle des Bettlers von Räubern gejagt und Toms Vater droht ihm, seinem vermeintlichen Sohn, Prügel an, weil er sich beim Betteln plötzlich so unbeholfen anstellt. Die beiden Jungen sind schließlich froh, wieder aufeinander zu treffen und beschließen, die Verwicklungen zu entwirren. 

Man merkt den Büchern von Mark Twain an, dass er weiß, wovon er schreibt. Hier, wie auch in all seinen anderen Werken, greift er die Welt der armen, sozial benachteiligten Schichten als Thema auf. In seinen Arbeiten als Journalist prangerte er religiöse Heuchelei, Polizeiübergriffe auf Minderheiten, korrumpierte und betrügerische Senatoren an. Er kritisierte die Gier nach Macht und die „Geldlust“, die er als Amerikas Krankheit bezeichnete.

Bei Durchsicht der Besetzung zu diesem Stück, fiel mir ein Name besonders auf: Tom Tykwer. Tykwer lebt heute in Berlin und ist ein über die Grenzen bekannter deutscher Filmemacher. Seinen Film "Der Krieger und die Kaiserin" hat er hier in Wuppertal und sein bekanntester Film, war neben "Das Parfum" sicherlich „Lola rennt“. Er spielte (damals gerade 13 Jahre alt) die Rolle des - nomen est omen - Betteljungen Tom, was allerdings in seiner Internet-Vita unerwähnt bleibt. Vielleicht hat ja auch dieser erste Ausflug auf die Bühnenbretter nicht so einen bleibenden Eindruck hinterlassen wie seine erste Super-8-Schmalfilmkamera. Leider habe ich kein gutes Foto gefunden, außer einem Bild aus der Schwelmer Zeitung vom 9. Dezember 1978, das kurioserweise zur Ankündigung unserer Aufführung des Weihnachtsmärchens „Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“ diente.

„Prinz und Betteljunge“ war in einer Hinsicht ein Novum: es war relativ kurz. Während wir ja heute eher lange Stücke haben, die Probleme machen, sie auf ca. 90 Minuten zu kürzen, ging es hier darum, Spielzeit zu gewinnen. Achtung: Griff in die Winterling’sche Trickkiste; er ging mit Uwe Böhme auf die Bühne, um den Kindern vor der Vorstellung zu erklären, wie man Theater macht. Da wurde gezeigt, wie das Bühnenbild gebaut wird, und wie es von hinten aussieht. Maskenbildner, Soufleuse, Requisiteure, Ton- und Lichttechniker wurden vorgestellt, und meine allerliebste Stelle in diesem Odeuvre war, wenn Uwe Böhme das bedeutendste Teil im Bühnenbild präsentierte: den Bühnennagel. Der „Vorfilm“ wurde erstaunlich gut angenommen, so dass auch in späteren Jahren wiederholt darauf zurückgegriffen wurde.

Das Jahr endete wie all die Jahre zuvor. Paul Winterling setzte auf Märchen, diesmal auf „Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen“, wieder ein Musical von Heinz Wunderlich. Michael Karp spielte die Hauptrolle in diesem Grimmschen Klassiker. Ansonsten war alles wie immer. Udo Dülme und ich waren wieder einmal zusammen in der Spaßabteilung anzutreffen, nämlich als Gespenster, die sich mehr vor sich selbst fürchteten als dass sie andere zum Fürchten bringen würden. Elke Honigmann, Caroline Kraemer und Michael Höhne vervollständigten das Quintett. Wir schmückten uns mit so klangvollen Namen wie Herr von Rassel, Professor McGhost, Frau Klopfer, Zittermimi und Schlotterkarl und durften u.a. den Gespensterbeat zum Besten geben: „Das ist der Bi-Bi-Beat, das ist der Bi-Bi-Beat, das ist der Bi-Bi-Beat, Gespensterbi-bi-beat“

Ein Vater hat zwei Söhne, der Älteste ist gescheit und fleißig, der Jüngere hingegen gilt als faul und dumm. Als der Vater ihn auf Wanderschaft schickt, damit er endlich eine vernünftige Ausbildung bekommt, weiß der jüngste Sohn auch gleich, was er lernen möchte: das Gruseln. Auf seiner Wanderung begegnen ihm allerlei unheimliche Gestalten und Geister, aber sie verfehlen ihre Wirkung. Dabei würde er so gerne wissen, wie sich das anfühlt, sich zu gruseln. Endlich hört der Sohn von einem verwunschenen Schloss, in dem es so sehr spuken soll, dass es bislang kein Mensch darin drei Nächte ausgehalten hat. Dabei winkt als Belohnung die Hand der Königstochter. Sollte das die richtige Herausforderung für unser junges Genie der Furchtlosigkeit sein?

Also sagte unser Protagonist vergeblich „Ach wenn’s mir nur gruselte“. Nichts zu machen. Ich muss zugeben, wir Gespenster taten auch nichts dazu, dass ihm das Gruseln denn endlich beigebracht würde. Aber wir hatten auch ohne sein Gruseln unseren Spaß. Gibt es denn was Schöneres als in kleinen Nebenrollen mit hoher Bühnenpräsenz aber wenig echtem Text, dafür umso mehr „Arrrrrrrrhhhhh“ und „Uuuuuuhhhhh“ den Hauptdarsteller aus der Fassung zu bringen? Nein, gibt es nicht!

Aber er wollte sich einfach nicht fürchten, der Michael Karp. Obwohl er auch in einem richtigen Sarg Platz nehmen durfte. Meister Böhme hatte aus irgendwelchen Altbeständen einen gebrauchten Transportsarg erstanden, einer der mit Zink ausgeschlagen zum Abtransport von Unfalltoten vorgesehen ist. Sich in diesen Sarg zu legen und als Steigerung noch den Deckel verschliessen zu lassen, entwickelte sich beim Ensemble zu einer gewissen Mutprobe.

Er wollte sich einfach nicht fürchten der Michael Karp. Aber es gab ja noch die berühmte letzte Vorstellung in Wuppertal Langerfeld. Ihr kennt sie schon. Während sonst in dem Holzzuber mit Fischen, der ihm zum Schluss über den Kopf ausgegossen wurde, kein Wasser und schon gar nicht echte Fische waren sondern Pappkameraden bzw. Gummifische, wurde in der letzten Vorstellung der Eimer mit Wasser und allerlei Glibberig-Glitschigem wie Tintenfische und Muscheln auch kleine Fische gefüllt. Nennen wir es „Frutti di Mare“.

Und wie er sich dann fürchtete. Ich sage euch, ihr hättet dabei sein sollen. In der Szene lag ja unser Hauptdarsteller schlafend auf dem Bett, sodass sich diese kalte, nasse, glitschige Plempe wunderbar verteilen konnte. Was für ein Gericht: „Frutti di Mare an Michael Karp“.

Auch roch es danach auf der Bühne irgendwie ungewohnt.
Ich meine, ich riech‘ es jetzt noch.

Bis nächste Woche
Euer Uwe