40 Jahre - 1979

Kapitel 9 (1979)

von Uwe Weinreich

Wie ihr ja schon im Laufe der Jahre mitbekommen habt, hatte Paul Winterling eine Leidenschaft für Volksmärchen, im besten Sinne wohlgemerkt. Märchen hatten für ihn alles das, was aus seiner Sicht ein Kindertheater bieten sollte: Freude bereiten; ein gemeinsames Erlebnis vermitteln. Um dieses Ziel zu erreichen, verlangte er z. B. von uns Darstellern unbedingt Grundkenntnisse in Pädagogik. Viel mehr als heute ging es zwischen Zuschauern und Darstellern zur Sache, das heißt, die Kinder mischten sich verbal ins Geschehen ein, sodass wir manchmal minutenlang nicht weiterspielen konnten, bevor wir, abweichend vom Text, einen Deal mit den Kindern gemacht hatten. Das war oft gar nicht so einfach.

Wir profitierten von der Erfahrung Paul Winterlings, die er selbst auf den Theaterbrettern gewonnen hatte. Er erhielt seine Ausbildung in Berlin an der Schauspielbühne des Deutschen Theaters und begann seine Laufbahn als Charakterheld und Charakterliebhaber. Zwei seiner Lieblingsrollen waren der Jago in „Othello” und der Pastor in „Candida”. Er spielte an Theatern in Heidelberg, Hamm und Plettenberg und wurde 1951 nach Wuppertal an das Theater an der Bergstraße verpflichtet, wo er bis 1960 auf der Bühne stand. Seine Kollegen damals waren u. a. Horst Tappert, Harald Leipnitz, Johanna von Koczian, Alexander Kerst, Bernhard Minetti, Erich Ponto, Hans Caninenberg und Horst Frank. Nach seiner letzten Rolle in Wuppertal (ein amerikanisches Soldatenstück „Das Ende vom Lied”) privatisierte Paul und wurde Lehrer für Sprecherziehung und Sprachgestaltung. Und in dieser Eigenschaft kam er dann auch als Lehrer an die Herberts-Schule, über die ich euch ja schon berichtet habe und wo ich ihn selbst „genossen” habe.

Also alle mal mitsprechen:
Barbara saß nah am Abhang,
Sprach gar sangbar – zaghaft langsam;
Mannhaft kam alsdann am Waldrand
Abraham a Sancta Clara!

Ich kann’s immer noch.

Wir haben soviel gelernt von ihm, nicht nur fürs Theater, sondern auch fürs Leben. Für Paul stand immer das Kind im Mittelpunkt, das er – viel mehr als wir, die wir eher den Spaß im Visier hatten – auf seine Art an das Theater heranführen wollte. Und wieviel einfacher ist es, dies mit lachenden Kindern zu tun. Niemals wäre er auf die Idee gekommen, Kinderrollen mit Erwachsenen zu besetzen, weil er fest daran glaubte, dass ein Kind sich nur mit einem anderen Kind identifizieren kann. Und so halten wir es noch heute.

In diesem Jahr setzte er auch im Frühjahr auf ein Grimmsches Märchen, „Der gestiefelte Kater”. Bereits im ersten Jahr des Kindertheaters gespielt, wurde es jetzt, neu bearbeitet und von Matthias Burkert mit Musik versehen, auf den Spielplan gesetzt. Was den Ausschlag dafür gab, auch im Frühjahr ein Märchen zu spielen, entzieht sich meiner Kenntnis. Grundsätzlich muss allerdings erwähnt werden, dass wir als Ableger der Kulturgemeinde Volksbühne immer auch mit dieser Diskussionen über Zuschauerzahlen im Allgemeinen und den Spielplan im Besonderen hatten. Dieser musste vom Vorstand der Volksbühne für das jeweilige Jahr abgesegnet werden, und es gab nicht nur einmal kontroverse Diskussionen, ob ein geplantes Stück ein „Renner” werden würde oder nicht. Es war eben nicht so einfach, als einzige Volksbühne in der Bundesrepublik ein eigenes Kindertheater zu unterhalten.

Wir, die wir uns mehr dem Kindertheater als der Volksbühne verpflichtet fühlten, versuchten die Flucht nach vorne anzutreten. Wir brachten uns auch verstärkt in die Arbeit der Volksbühne ein, um über diese Schiene Einfluss zu gewinnen. Ich selbst hatte schon seit einigen Jahren die Gestaltung des jeweiligen Kindertheaterplakats übernommen. Da lag es also nahe, dieses auch für das Volksbühnenplakat zu tun. Dazu kam, dass wir als Haufen junger aktiver Leute die Volksbühne, die von ihrer Altersstruktur der Mitglieder eher zu einer anderen Generation gehörte, positiv aufmischten.

Das Kindertheater wurde immer größer, und wie es so ist, wenn Kinder flügge werden und ihren Eltern über den Kopf wachsen, es gibt mitunter Schwierigkeiten mit denselben. Auch wir verspürten diese; aber noch war die Zeit nicht reif, das „Elternhaus” zu verlassen.

In den Schulferien war grundsätzlich spielfrei, so brachten wir das zweite Stück „Kalle Blomquist, Meisterdetektiv” direkt nach den Sommerferien 1979 heraus. Auch das zweite Lindgren-Stück nach „Rasmus und der Landstreicher” wurde wieder ein voller Erfolg, wobei gesagt werden muss, dass man auch heute noch mit guten Lindgren-Bearbeitungen grundsätzlich nichts falsch machen kann, haben doch diese Bücher schon mehrere Generationen begleitet, ohne Staub angesetzt zu haben. Und da natürlich nicht nur die Kinder entscheiden, ob man ins Kindertheater geht oder nicht, liegt man mit einem Lindgren-Titel auch bei den Eltern und Großeltern immer richtig.

„Kalle Blomquist” aus Kleinköpping ist die erste Detektivgeschichte, an die ich mich als Junge erinnern kann. Es ist also schon eine Weile her, dass Astrid Lindgren sich die erste von 3 Kalle-Geschichten ausgedacht hat. 1946 erschien das Buch, noch vor der ersten Pippi-Langstrumpf-Geschichte.

Kalle Blomquist, 14-jähriger angehender Meisterdetektiv, wird oft wegen seiner Leidenschaft, angebliche Verbrechen aufzudecken, von seinen Freunden Anders und Eva-Lotta belächelt. Doch als Eva-Lottas Onkel Einar auftaucht, verfolgt von seinen Kumpanen, und sich immer verdächtiger verhält, kann Kalle endlich seine Freunde davon überzeugen, dass er dieses Mal einem richtigen Verbrechen auf der Spur ist – einem Juwelendiebstahl. Nebenbei führen die Freunde, bekannt als „die Weißen Rosen”, auch noch mit der befreundeten Kinderbande „die Roten Rosen” Krieg. Gemeinsam erleben die drei Freunde ein sehr spannendes Abenteuer, bei dem Kalle seine Qualitäten als Detektiv voll zur Geltung bringen kann. Natürlich geht es gut aus und die Verbrecher werden nach einer heißen Verfolgungsjagd gefangen genommen. Kalle erlangt den lang ersehnten Ruhm als Meisterdetektiv.

Das letzte Stück des Jahres war „Dornröschen”. Susi Wyzner, Tochter des zu der Zeit sehr bekannten und beliebten Wuppertaler Opernsängers Franz Wyzner, spielte die Titelrolle. Die Prinzenrolle (nein, nicht die von DeBeukelaer) hatte Dirk Wegmann. Er spielte zu dem Zeitpunkt alle Prinzen, da er wirklich schon ungeschminkt so aussah, wie kleine Mädchen (und auch Jungs) sich einen Märchenprinzen vorstellen. Da hatten wir anderen überhaupt keine Chance. Wir, die wir mittlerweile die 30 erreicht oder sogar schon überschritten hatten, stellten uns langsam darauf ein, dass uns die Könige und Väter blieben, und natürlich alle Bösewichte, die nämlich zeitlos sind. Udo und ich waren wieder beide beschäftigt in Dornröschen. Ich spielte den Koch, der bekanntlich, kurz bevor er dem Küchenjungen eine Ohrfeige geben konnte, einschlief. Kein einfacher Kraftakt, da ich die gesamte „Schlafenszeit” still mit ausgestrecktem Arm verharren musste. Udo war der König.

Für die berühmte letzte Vorstellung in Wuppertal-Langerfeld hatte ich mir ausgedacht, dass der Koch gegen Ende mit einer Torte für das glückliche Prinzenpaar die Bühne betritt, stolpert und die Torte durch die Luft fliegend ihr Ziel im Gesicht des Prinzen finden sollte. Gesagt, getan! Ich fertigte eigens eine Sahnetorte an (echter Biskuitboden, echte Sahne und kein Rasierschaum), die mit Smarties bunt dekoriert war. Das Ganze konnte natürlich nicht geprobt werden. Ich hatte nur diesen einen Versuch, und der musste im Hieb klappen.

Keiner wusste davon außer der Torte und mir. Das Wurfgeschoss hatte ich gut versteckt hinter der Bühne in Stellung gebracht. Die Vorstellung war kurz vor Schluss, ich holte die Torte (sie lag gut in der Hand), rannte auf die Bühne, stolperte, und im Fallen dirigierte ich die Torte auf die richtige Flugbahn. Und sie flog und flog und landete „Platsch” voll auf der 12, im Gesicht des Prinzen Dirk Wegmann. Was für ein Spaß für uns und für die Zuschauer, die natürlich dachten, das wäre in jeder Vorstellung so gewesen.

Was Zuschauer immer für Vorstellungen haben...

Bis nächste Woche
Euer Uwe