40 Jahre - 1980

Kapitel 10 (1980)

von Uwe Weinreich

Das Jahr 1980 begann mit einem Stück von William Sydney Porter, besser bekannt unter seinem Pseudonym O’Henry, unter dem er an die 600 Kurzgeschichten geschrieben hat. Wir brachten seine Gaunerkomödie „Lösegeld für den roten Häuptling“ in einer Bearbeitung von Eva Marder heraus. Auch sie ist keine Unbekannte. Bereits Jahrgang 1916 brachte sie eine Vielzahl von Kinderbüchern aber auch Hörspiele und Theaterstücke für Kinder  heraus.

Den zwei Ganoven Sam (Manfred Lueg) und Bill (Reinhold Braun) macht der gekidnappte Bengel Ben so sehr zu schaffen, dass sie schließlich bereitwillig ein Lösegeld bezahlen, damit Bens Vater das abenteuerlustige Bürschchen wieder zurücknimmt.

Der Kritiker der WZ bescheinigt der Inszenierung „eine geschlossene Ensembleleistung, die sich durch bewegliche Choreographie, geschulte Sprache und ein fantastisch flexibles Bühnenbild von Uwe Böhme (drei Kulissen in einer) auszeichnete.
Das Stück selbst litt jedoch etwas unter dem feinen ironischen Humor, der mehr geplagte Eltern als tatendurstige Kinder anspricht.“

Der Räuber Hotzenplotz“ ist eines der Bücher von Otfried Preußler, das nicht nur an den Theatern immer wieder gespielt wird. Auch der Film und das Puppentheater bemächtigten sich des Stoffes schon diverse Male. Unvergessen ist der Film von 1974 mit Gert Fröbe in der Rolle des Räubers. Die Augsburger Puppenkiste brachte schon 1967 das Stück auf die Puppenbühne und damit ins Fernsehen. 2006 sahen wir dann eine Neuverfilmung mit Armin Rohde als Hotzenplotz. Ihr seht, obwohl das Kinderbuch im nächsten Jahr schon 50 Jahre alt wird, ist es immer noch hoch im Kurs.

Aber ob das alles Grund genug war für Paul Winterling das Stück wieder zu inszenieren nach 1971, weiß ich nicht. 9 Jahre sind vergangen seit der Erstaufführung, die ja mehr oder weniger eine von der Herberts-Schule übernommene Inszenierung war. Vielleicht wollte Paul Winterling jetzt mit einem eigenen festen Ensemble, das sich mittlerweile viel Spielpraxis erworben hatte, das Stück noch einmal ausprobieren. Es lief auch nicht, wie vielleicht jetzt vermutet wird, als Weihnachtsproduktion. Bedenkt, dass es noch kein Jugendtheater gab. Wir spielten neben der Weihnachtsproduktion, ja sagen wir ruhig, neben dem Weihnachtsmärchen immer ein Stück für die kleinen – und eins für die großen Kinder. „Lösegeld für den roten Häuptling“ war mehr für die Älteren, „Hotzenplotz“ für die Jüngeren gedacht. (Obwohl sich bis zum heutigen Tag Eltern in der Regel wenig um unsere Altersempfehlungen kümmern. Aber das nur am Rande…)

Ich erlebte selbst ein mal, dass eine junge Mutter mit ihren zwei Kindern in die Vorstellung kam, das eine altersgerecht an der Hand, das andere, ein schlafendes Baby auf dem Arm. Auf meine Frage, ob sie nicht auch meine, dass das Kleinere von den beiden doch wohl noch ein wenig zu jung sei, meinte sie, dass ich wohl im Prinzip Recht hätte; aber eine Eintrittskarte bei uns wäre bei weitem günstiger als ein Babysitter. Womit ich ihr wiederum Recht gab und ihr und ihren beiden Kindern eine wunderbare Aufführung wünschte. Das Baby übrigens hat die Vorstellung schlafend schadfrei überstanden.

Ja, die Eltern. Manchmal geht uns vor Vorstellungen durch den Kopf, dass Kindertheater eine so tolle Sache ist, wenn nur die zuschauenden Eltern nicht wären. Ich entschuldige mich hiermit ausdrücklich, bei all den Eltern oder anderen erwachsenen Begleitpersonen, die unseren Wunsch, die Kinder vorne in den ersten Reihen unter sich zu lassen und sich selbst auf die hinteren Sitzplätze zu begeben, verstehen. Wir haben viele Vorstellungen gespielt, bei denen wir nicht der Veranstalter waren und (wie übrigens in anderen Theatern auch) die Erwachsenen neben ihren Kindern Platz nahmen. Diese Vorstellungen liefen niemals so fröhlich und gelöst bei den jungen Zuschauern ab, wie wir es sonst gewohnt waren. Mal abgesehen davon, dass kleine Kinder hinter großen Erwachsenen einfach nichts sehen können. Und eigentlich spielen wir ja für die Kinder, obwohl man manchmal feststellen muss, dass die „Großen“ genausoviel Spass haben wie ihre Kinder.

Deshalb unser Motto: Bei uns sitzen Kinder in der ersten Reihe!

Das Weihnachtsmärchen war in diesem Jahr ein echter Klassiker: „Rumpelstilzchen“. Michael Höhne schlüpfte in die Rolle dieses Wichts, der, wenn immer er auf der Bühne auftaucht, gegen den geballten Zorn der Kinder im Zuschauerraum anspielen musste. An dieser Stelle vielleicht mal ein Hoch auf alle die Schauspieler, die in unseren Stücken die Bösewichter spielten und spielen. Deshalb ein Tipp: solltet ihr jemals gefragt werden, nehmt nicht so eine Rolle. Spielt im Kindertheater die Guten. Kinder werden euch lieben, nach Autogrammen fragen und euch Briefe schreiben. Die Rolle, in der ich meistens zu Hause war, der August, der Tölpel, der Dummpfiff wird auch von den Kindern gemocht, weil sie sich überlegen fühlen und dich bemitleiden. Aber spielt ihr den Bösen, den wirklich Garstigen, die Hexe, den bösen Zauberer, den fiesen Räuber, dann seht euch vor. Kinder werden euch ausbuhen, beim Verabschieden ignorieren, euch hassen. Es gehört also viel Selbstvertrauen und Mut dazu, in so einer Rolle zu glänzen. Womit ich nicht gesagt haben will, dass das die schlechten Rollen sind. Ganz im Gegenteil, manchmal sind es genau diese Charaktere, die besonders viel Spaß machen, weil man sich auch mal gerne in so einer Rolle ausprobieren möchte.

Deshalb noch ein Tipp: solltet ihr jemals gefragt werden, nehmt so eine Rolle. Sie ist ungeheuer interessant, weil sie möglicherweise viel schwieriger ist, weil man sich und der Welt beweisen kann, welche anderen Seiten man hervorkehren kann… Und soooo schlimm ist es ja auch nicht, dass euch Kinder beim Abgang durch den Zuschauerraum extra ein Bein stellen (mir wirklich passiert), weil sie euch in diesem Moment wirlich hassen und Schaden zufügen wollen.

Über Rumpelstilzchen selbst ist nicht allzuviel zu sagen. Ihr kennt sicher die Handlung: ein Müller prahlt damit, dass seine Tochter Gold zu Stroh spinnen kann, was der König gleich unter Beweis gestellt sehen möchte. Der verzweifelten Tochter erscheint in der Nacht ein kleines Männchen und bietet ihr seine Hilfe an, allerdings mit dem Versprechen, die Tochter müsse dem Männchen ihr erstes Kind überlassen.... Ich spielte den Müller Prahlhans. Die Tochter wurde verkörpert durch Sabina Meyer, die wiederum im echten Leben die Tochter unseres ersten und einzigen Maskenbildners war, der zu Paul Winterlings Zeiten ebenfalls zum festen Stamm gehörte. Es war noch die Zeit, wo grundsätzlich alle Schauspieler geschminkt wurden. Wolfgang Meyer arbeitete als Maskenbildner an den Wuppertaler Bühnen. Die Rumpelstilzchen Bilder, die ihr hier seht, sind übrigens auch von ihm fotografiert. Woran ich mich besonders erinnere ist, dass er stundenlang Witze erzählen konnte.

Und jetzt werde ich mich genüsslich zurücklegen, und schon mal ins Jahr 1981 hinüberschauen. Denn dort steht unser 10. Geburtstag vor der Tür.

Also, wir sehen uns zur Geburtstagsfeier.

Bis nächste Woche
Euer Uwe