40 Jahre - 1981

Kapitel 11 (1981)

von Uwe Weinreich

Na, wer sagt es denn, sind ja doch einige zu unser Geburtstagsfeier gekommen. Das Kindertheater wird 10 Jahre alt. Wir haben euch in diesem Jahr auch 3 ganz prächtige Stücke zu präsentieren. Also seid gespannt:

Unser 10-Jähriges fand in einem eher bescheidenen Rahmen im Haus der Jugend statt; aber lest selbst, was Axel Behr in der WZ vom 24. März 1981 berichtet:

Im Zeichen des Lausejungen
Zehn Jahre Kindertheater der Volksbühne

Das größte Geburtstagsgeschenk kam von der Stadt Wuppertal schon im Januar. Sie stellte ein festes Haus mit Werkstatt und Lagerräumen zur Verfügung. Im Rahmen der Neueröffnungswoche des Barmer „Haus der Jugend“ nach der Umbaupause fand jetzt an traditioneller Spielstätte die Jubiläumsfeier des „Theaters für Kinder“ der Kulturgemeinde Volksbühne statt. Aktive, Ehemalige und Angehörige hatten sich zur Feier des zehnten Geburtstages eingefunden.

Gründungs-Regisseur Paul Winterling zieht stolz Bilanz: 30 Produktionen in zehn Jahren, 350 Vorstellungen vor über 90.000 Zuschauern, Aufführungen in allen Stadtteilen von Langerfeld bis Vohwinkel, fast alle Vorstellungen ausverkauft, ganze Schulen, die sich inzwischen komplett voranmelden.

Aufgeführt werden zu gleichen Teilen Märchen und Jugendstücke von Lindgren bis Kästner, ein Stück, das großen Erfolg hatte, schrieb ein Ensemblemitglied, Uwe Weinreich: “Null Uhr Lattenzaun.“

Ein fester Stamm von fünfzig Laien probt wöchentlich parallel bis zu drei Stücke. An jedem Samstag im Jahr, außer in den Schulferien, ist Aufführung. Die Stücke werden rund 15 mal gespielt, bei 30 Proben. „Was das Kulturamt machen will, das machen wir schon lange, nämlich Kultur im Stadtteil“, sagt Paul Winterling.

Am Nachmittag wird dann im Saal die aktuelle Produktion vorgestellt: „Pünktchen und Anton“ von Erich Kästner. Der große Saal ist total ausverkauft. In einem Bühnenbild von Arnold Müller (Wuppertaler Bühnen) wird die Geschichte von der Direktoren-Tochter Pünktchen und ihrem bettelarmen Freund (Tobias Uhl) gespielt, die die Vorurteile ihrer Eltern überwinden. Die 11-jährige Katrin Brodowski spielt mit unbekümmerter Leichtigkeit die überragende Pünktchen.

Zum Jubiläum gibt es außerdem eine Broschüre. Im Erdgeschoss zeigt das Haus der Jugend eine kleine Ausstellung mit Fotos und Bildern, und im Keller kann man das berühmteste Ensemblemitglied besichtigen, den pfiffigen Lausejungen auf den bekannten grünen Werbeplakaten zu allen einunddreißig Stücken.

Axel Behr

Ihr habt’s gelesen. Los geht es in diesem Geburtstagsjahr mit Erich Kästner und seinem Kinderbuchklassiker „Pünktchen und Anton”. In einer Ausstattung, die in das Berlin der 30er Jahre zurückversetzt, spielen alte – und auch neue Hasen, wenn ihr mir diese Bezeichnung erlaubt. Elke Honigmann und Udo Dülme, beides eher alte Hasen, spielten das Ehepaar Pogge. Jutta Raschtuttis, die auch schon in Dornröschen als böse Fee auf der Bühne stand, war das Kindermädchen, das Pünktchen im nächtlichen Berlin Streichhözer verkaufen ließ. Pünktches Freund Anton wurde von Tobias Uhl gespielt. Ja genau, ihr erinnert euch, der sich sieben Jahre zuvor in Morgiane aus „Ali Baba und die 40 Räuber” verliebt hatte. Ihr seht, er ist beim Kindertheater kleben geblieben, und er klebt heute noch. Und in der Rolle von Pünktchen brillierte die junge Katrin Brodowski, die wir auch noch in weiteren Stücken als munteren Wirbelwind erleben durften.

Wer Erich Kästners Bücher gut kennt oder die alten Filme gesehen hat, der weiß, dass Erich Kästner auch immer selbst auftrat, in seinen Büchern meistens in Form eines Vorworts, das auch in den Filmen (wohlgemerkt, ich spreche von den Erstverfilmungen) mit ihm als Einleitung eingebaut wurde. Auch unser Bühnenstück kannte diese Rolle des Erzählers. Der Herr Zeigefinger (Manfred Lueg) führte die zuschauenden Kinder durch die Handlung, erklärte Dinge, weil sie 50 Jahre später unverständlich waren und griff aber auch in die Handlung ein.

Und dann war da noch jener Lausbub, der gegen Geld Pünktchen bei ihrem Vater Direktor Pogge verpfiff: Gottlieb Klepperbein. Schaut euch das Bild an. Und? Habt ihr ihn erkannt? Richtig, es ist Lars Emrich, der heute der künstlerische Leiter unseres Theaters ist.

Ich kann mich an eine wunderbare Inszenierung erinnern, die die Zeit im alten Berlin fantastisch herüber brachte. Heute wird vielfach versucht, Kästners Erzählung in unsere Zeit zu versetzen, weil es natürlich auch schwierig ist, die Weltwirtschaftskrise und den Verkauf von Streichhölzern auf der Straße Kindern zu erklären. Paul Winterling modernisierte nicht und baute dafür lieber Herrn Zeigefinger in die Handlung ein.

Dass „Pünktchen und Anton” immer noch aktuell ist, beweisen zwei filmische Umsetzungen, eine Comic-Hommage (sehr empfehlenswert) und sogar eine Kinderoperversion der Wiener Staatsoper – und nicht zuletzt eine Neuinszenierung bei uns 2010.

Ich war zu der Zeit schon mit Proben für das nächste Stück beschäftigt, habe aber Erinnerung an die Entstehung des Plakats. Es war, wie so oft, ein Kampf mit der Volksbühne, meinen Entwurf genehmigt zu bekommen. Ich wollte unbedingt das Bild von Walter Trier, das ihr alle vom Buchtitel gut kennt, umgesetzt wissen. Da das Standardplakat einen grünen Untergrund hatte, war es jedesmal ein Problem, darauf die ensprechenden Farben zu drucken. Dies erforderte einen zusätzlichen Arbeitsgang, in dem erst deckendes Weiß aufgetragen werden musste, was natürlich die Druckkosten erhöhte; aber ich konnte mich durchsetzen.

Unsere nächste Inszenierung war ein ganz aberwitziges Stück Theater, „Des Kaisers neue Kleider”. He, was soll denn an diesem Andersenmärchen aberwitzig sein, werdet ihr denken. Ich werde es euch verraten.

Natürlich war die Handlung so, wie ihr sie von Hans Christian Andersen kennt; aber es spielten nur vier Personen mit. Da waren zuerst zwei Figuren (Angelika Armonier und Michael Karp), die direkt aus der Comedia del Arte entsprungen schienen und die genau wie im italienischen Straßentheater die Rollen der zwei Schneider verkörperten. Komplettiert wurde das Ensemble durch einen Diener (Paul Denstädt), der nicht zu den hellsten seiner Spezies zählte und natürlich durch den Kaiser selbst, auch eher etwas unterbelichtet. Jener war ich.

Die eigentliche heimliche Hauptrolle aber hatte ein Requisit, nämlich meine Rokoko-Puderperücke. Sie war durchwirkt mit vielen kleinen Lämpchen, die von mir unbemerkt ausgelöst, leuchteten. Ich sah dann einem brennenden Weihnachtsbaum sehr ähnlich. Dieses Leuchten war ein theatralischer Kunstgriff, um den Zuschauern klar zu machen, wann der Kaiser dachte. Ich durfte nämlich auch all meine Gedanken laut zum Ausdruck bringen, und zwar in einer Comic-Sprechblasen ähnlichen Sprache.

Es war ein großer Jokus. Die Schwelmer Zeitung schrieb „Kinder schrien vor Vergnügen, Kaiser mit Lichterkette”. Und wie im Buch endete das Stück, in dem sich der Kaiser in seinen wunderschönen neuen Kleidern seinem Volk zeigt. Hierzu wurde der ganze Saal mobilisiert. OK, ich war nicht wirklich nackt. Ich gebe zu, wir hatten moralische Bedenken und beließen es deshalb nur bei einem Kaiser in Unterwäsche. Außerdem durfte man ja auch nicht meine Lichterkettenverkabelung samt Batterie sehen. Ich hab das Stück noch in sehr guter Erinnerung „Blitz, blitz, denk, denk, was war ich doch für ein schöner Kaiser, sooo schööön!”

Wie unsere Jahre enden, wisst ihr inzwischen. Genau, mit einem Weihnachtsmärchen. Wir spielten „König Drosselbart” der Gebrüder Grimm. Antje Kampermann, seit „Treffpunkt Null Uhr Lattenzaun” als Jungschauspielerin beim Kindertheater, spielte die Prinzessin. Die anderen Rollen waren wieder mit den „Altbewährten” besetzt als da u. a. sind: Dieter Weitz, Erika Rohrhuber, Udo Dülme, Sabina Meyer, Siegfried Noll, Dirk Wegmann und Ralph Müller, dessen Schwester Yvonne diesmal soufflierte. Beide „Müllers” gehörten ebenfalls über lange Jahre zum festen Ensemble des Kindertheaters, und ich werde nicht vergessen, dass Yvonne Müller, wann immer ich sie von der Bühne aus anschaute (nein, nicht weil ich den Text vergessen hatte. Wo denkt ihr hin?) lachte. Nein, sie lachte nicht laut; aber sie hatte, wie die Kinder im Saal, dieses fröhlich strahlende Lachen im Gesicht. Man hatte den Eindruck, sie sähe das Stück zum ersten Mal. Für mich war es immer ein wunderbares Indiz, dass wir das Stück gut über die Rampe brachten.

Ja, und wie auch in der WZ stand, hatten wir jetzt ein Haus, das uns die Stadt Wuppertal als Werkstatt und Lagerraum für Bühnenbilder zur Verfügung stellte. Es handelte sich um ein ehemaliges Gebäude der Firma Herberts, das Bestandteil der Herberts-Schule gewesen war und in dem all unsere Bühnenbilder entstanden waren. Nach dem Umzug der Herberts-Schule auf firmeneigenes Gelände war dieses Gebäude von der Stadt Wuppertal übernommen worden.

Zu dem Zeitpunkt gab es Pläne einer Straßenführung, die dieses Grundstück beinhaltete. Dieses Gebäude wurde unser Mittelpunkt, beherbergte es doch nicht nur Uwe Böhme mit seiner Werkstatt, sondern bot auch noch Platz für Requisite und Lager. Und es war eine tolle Kulisse für sommerliche „Außenproben” und viele Kindertheaterfeiern samt legendären Fußball-Matches beim alljährlichen Sommerfest.

Später zog auch unser Büro in dieses Haus; aber darüber erzähl’ ich euch mehr zu gegebenem Zeitpunkt.

Bis nächste Woche
Euer Uwe