40 Jahre - 1982

Kapitel 12 (1982)

von Uwe Weinreich

Ich weiß, ich weiß: jede Woche erzähle ich euch, wie besonders gerade dieses Jahr ist, von dem ich euch berichte. Und ich denke, das wird sich auch bis zur letzten, der vierzigsten Woche, nicht ändern; denn während ich diese Zeilen tippe, erlebe ich noch einmal, wie toll diese Zeit, jedes Jahr, jedes Stück war und dass es etwas ganz besonderes war. Deshalb verzeiht mir, wenn ich bisweilen ins Schwärmen gerate...

Und jetzt lacht nicht: 1982 war ein ganz besonderes Jahr, jetzt aber wirklich. In diesem Jahr fand der Wechsel der Theaterleitung statt. Paul Winterling hatte diesen Termin bestimmt und insgeheim auch schon nach seinem Nachfolger gesucht und in der Person von Herwig Mark gefunden.

Aber bevor wir über den Wechsel sprechen, gilt es erst einmal noch zwei Paul-Winterling-Inszenierungen auf die Bretter zu bringen. Das Jahr fing an mit Otfried Preußlers „Die kleine Hexe”. Es ist ein tolles Buch, dessen Geschichte auch auf der Bühne wunderbar funktioniert. Die erste Auflage von „Die kleine Hexe” erschien 1957 und erhielt ein Jahr später den Kinderbuchpreis. Mittlerweile ist die 65. Auflage erschienen, und es ist kein Ende in Sicht.

Die kleine Hexe, deren sehnlichster Wunsch es ist, mit den großen Hexen auf dem Blocksberg herumfliegen zu dürfen, lebt mit ihrem sprechenden Raben Abraxas in einem kleinen, windschiefen Häuschen im Wald. Beim Versuch, sich in der Walpurgisnacht unerlaubt den anderen Hexen anzuschließen, wird sie entdeckt und ihr Besen zur Strafe verbrannt. Es wird ihr aber in Aussicht gestellt, an der nächsten Walpurgisnacht teilnehmen zu dürfen, wenn sie es bis dahin zu einer guten Hexe gebracht habe. Nun bemüht sich die kleine Hexe ein Jahr lang, ausreichend gute Taten zu vollbringen, hilft armen Menschen, bestraft Bösewichte, rettet Tiere und findet neue Freunde. Als sie sich wieder beim Hexenrat meldet, stellt sich jedoch heraus, dass nach Auffassung des Hexenrats eine „gute” Hexe böse zu sein hat. Also soll sie damit bestraft werden, das Holz für den Scheiterhaufen der Walpurgisnacht zusammenzutragen. Stattdessen aber rächt sie sich, indem sie den großen Hexen „das Hexen abhext” und deren Zauberbücher und Besen herbeizaubert, die sie als Scheiterhaufen für die Walpurgisnacht – ihre private Walpurgisnacht – benutzt.

Leider habe ich so gar keine Erinnerung an diese Inszenierung, und es gibt auch keine Fotos. Wie gut, dass mir da unser Archiv zu Hilfe kommt und mir eine Zeitungskritik der Westfalenpost aus Gevelsberg auf den Tisch flattern lässt. Zumindest erfahre ich hier, dass 450 Kinder „ihre” kleine Hexe begeistert gefeiert haben und dass die Hauptdarstellerin Ute Haberkorn hieß (Ute, es tut mir so Leid, dass ich nicht weiß, wer du bist). Ihr zur Seite spielte Antje Papist den Raben Abraxas. An Antje habe ich noch überaus gute Erinnerungen, spielte sie doch 2 Jahre später mit mir zusammen in „Schule mit Clowns”. Ihr müsst euch aber noch 2 Wochen gedulden, bis ich über jenes Stück aus dem Nähkästchen plaudere. Die Produktion realisierte Paul Winterling diesmal ausschließlich mit Kindern und Jugendlichen der Gruppe Marienstraße, die er schon in früheren Jahren zu einigen Inszenierungen dazu geholt hatte.

Wie ihr ja mittlerweile verstanden habt, wurde in unseren Inszenierungen bis dato immer gerne und viel gesungen, was, dank Matthias Burkert, ja auch auf einem hohen Niveau stattfand. Damit die Singerei aber nicht steif und statisch über die Rampe ging, hatte Paul Winterling Kontakt zu einem Choreographen geknüpft, den ich euch unbedingt vorstellen möchte: Jan Minarik.

Ich will nicht so vermessen sein und das, was wir ablieferten, Choreographie nennen. Paul fand in Jan Minarik jemanden, der die nötige Engelsgeduld aufbrachte, um uns untalentierten „Tänzern” wenigstens so in etwa etwas wie Tanzschritte beizubringen. Ich gestehe freimütig, dass diese Tanzproben nie für uns die Sternstunden des Theaters waren. Unseren Spaß konnten wir eigentlich nur daraus schöpfen, dass wir sahen, dass auch die anderen genau so unbeholfen waren wie wir selbst; aber auch das gehört zum Theater: proben, proben, solange bis es klappt.

Viele von euch werden Jan Minarik noch aus seiner Zeit als Mitglied der Compagnie von Pina Bausch kennen, der er von der ersten Stunde an angehörte. Dort ist er mir in Erinnerung vor allem für alle Aktionen, bei denen es um Kraft und Akrobatik ging. Er hatte so gar nicht die Figur eines Tänzers, war groß und kräftig. Nicht umsonst hieß eine WDR-Fernsehproduktion über ihn „Ein unheimlich starker Tänzer”.

Und er sprach dieses wunderbar singende Deutsch der Tschechen, was auch Pina Bausch gut gefallen haben muss; denn seit einer gewissen Produktion gab es bei ihr immer Jans kleines Solo, in der er auf seine so eigene Weise uns Zuschauern eine anrührende Geschichte erzählte. Und so wie in seinen Geschichten war er auch, ein Mann mit einem großen Herzen voll wunderbarer Ideen und Geschichten. Nie konnten wir das umsetzten, was ihm als erstes zu unserer Musik einfiel. Aber er wurde nie ungeduldig, schaute sich unsere Bewegungen zwei-, dreimal an und sagte dann meistens: „Gut, dann proben wir was anderes”, was bedeutete, dass der Schwierigkeitsgrad reduziert werden musste. Wir fingen immer auf „Pina-Bausch-Level” an, um am Ende auf ordentlichem Tanzschul-Niveau zu landen.

Das Ganze fand meistens sonntags morgens in seinem eigenen Ballettsaal statt, der sich direkt an seine Wohnung anschloss und mit dem er sich als Ballettlehrer ein zweites Standbein geschaffen hatte. In der Regel klingelten wir ihn dann aus dem Bett, frühstückten zusammen, und dann ging es ab an die Barre. (Ich schmunzele bei dem Gedanken, dass ich dort – nicht nur einmal – das Tanzbein geschwungen habe. Und ich höre Jans Anweisungen…)

Ich hoffe, Jan, es geht dir gut auf deinem Bauernhof in Böhmen. Im Übrigen sollte Jans Sohn Nepomuk später einmal eine Hauptrolle bei uns übernehmen. Aber das dauert noch ein paar Wochen…

Ja, und dann kam die letzte Inszenierung von Paul Winterling, und ich bin mächtig stolz darauf, dass ich dabei war. Es wurde, wie schon 1972 „Fazz und Zwoo” gespielt. Udo Dülme spielte wieder den Fazz und ich übernahm den Zwoo. Der fantastische Fazz und der einfältige Zwoo waren Spezialisten für Verkleidung und Verwirrung. Nicht umsonst heißt das Stück im Untertitel ja „Das große Tohuwabohu”. Spätestens, wenn sie den Tohuwabohu-Koffer öffneten, ging alles drunter und drüber.

Laurel & Hardy in anderem Gewand standen hier auf der Bühne. Als Zwoo hatte ich eine tragende Rolle im wahrsten Sinne des Wortes. Ich durfte nicht nur die ganze Zeit jenen Tohuwabohu-Koffer schleppen, sondern zusätzlich auch noch einen Pappkarton mit allerhand merkwürdigen Requisiten, eine große Stativkamera und, nicht zu vergessen, meinen berühmten Mantel, von dem ich euch schon 1972 kurz berichtete. Er war der heimliche Hauptdarsteller, verbargen sich doch in seinen insgesamt 6 Innen- und 4 Außentaschen diverse skurrile Dinge, wie z. B. eine Zigarrenkiste mit Frankfurter Würstchen.

Ich erschien immer etwas früher zu den Aufführungen, damit ich in Ruhe jedes der vielen Requisiten an seinen richtigen Ort bringen konnte. Dafür hatte ich mir extra einen Lageplan gezeichnet, um auch ja nichts zu vergessen.

Wofür die Würstchen sein sollten, fragt ihr? Nun, Fazz regte sich immer sehr schnell auf, woran die Ungeschicklichkeit Zwoos maßgeblich beteiligt war. Beruhigen konnte ihn in so einer Situation ausschließlich ein Frankfurter Würstchen.

Fazz: „Ein Würstchen, Zwoo!”
(Zwoo greift schnell und zielsicher in die linke mittlere Innentasche, zieht die Zigarrenkiste hervor, öffnet sie und wirft Fazz in hohem Bogen sein Würstchen zu – von der einen Seite zur anderen Seite der Bühne).
Zwoo:
„Ein Würstchen, Fazz.”

Diese circensische Nummer hatten wir lange geprobt.

Nur Briten können sich solche Geschichten ausdenken, zu absurd die Handlung, zu verschroben die Figuren, gespielt u. a. von Dieter Weitz, Dirk Wegmann (der ewige Prinz hatte sein Rollenfach gewechselt und war jetzt auch im komischen Segment zu finden), Manfred Eder, Jutta Raschtuttis, Manfred Lueg.

Und dann war die Aera Paul Winterling beendet. Am 31. August 1982 schied Paul Winterling aus Altersgründen aus und legte die Leitung in jüngere Hände, in die von Herwig Mark. Es ist ihm sicherlich nicht leichtgefallen. Wir sahen ihn immer wieder sporadisch, oft in der Werkstatt bei Uwe Böhme, wenn er wieder mal irgendetwas brauchte für seine anderen Aktivitäten und Spielgruppen, die er weiterhin betreute. Zu einigen von uns hielt er Kontakt bis zu seinem Tod. An meinen Geschichten habt ihr hoffentlich gemerkt, dass wir ihn nicht vergessen haben.

Das Jahr klang aus mit dem traditionellen Weihnachtsmärchen. Diesmal stand „Schneeweißchen und Rosenrot” der Gebrüder Grimm auf dem Spielplan. Auch wenn Herwig Mark Regie führte, so glaube ich doch, dass es noch Bestandteil des Spielplans von Paul Winterling war.

Eine Mutter hat zwei Töchter, Schneeweißchen und Rosenrot, die dem weißen und dem roten Rosenbäumchen in ihrem Garten ähneln. Eines Tages besucht der Knappe Ernst die Familie, um sich nach einem großen Wald zu erkundigen. Ein junger Prinz, in dessen Diensten der Knappe steht, glaubt, in jenem Wald seinen verzauberten Bruder zu finden. Vor langer Zeit hat nämlich ein böser Zwerg den Bruder des Prinzen aus lauter Boshaftigkeit in ein Tier verwandelt. Und dieses Tier ist ein freundlicher Bär, den die Mädchen und ihre Mutter eines winterabends kennenlernen. Einige Zeit später begegnen die Schwestern einem Zwerg, dessen langer Bart sich in einem Holzklotz verfangen hat. Kurz entschlossen helfen sie dem Zwerg dadurch, dass sie seinen Bart abschneiden. Dieses ist letzendlich die Grundlage dafür, dass am Ende des Märchens der Bär den Zwerg tötet und seine Gestalt zurückerlangt. Schneeweißchen heiratet den Königssohn und Rosenrot seinen vom Zauber erlösten Bruder.

Wenn ich so in Kurzform dieses Märchen erzähle, muss ich gestehen, kommt mir die Geschichte doch sehr absurd vor; aber sie ist ein absolut typischer Märchenstoff. Das Gute wird belohnt, das Böse wird bestraft, meistens mit dem Tod. Punktum oder wie es so schön in Märchen lautet: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.”

Mittlerweile war die nächste Generation von Königssöhnen herangewachsen, und die Prinzen und Prinzessinnen der frühen Kindertheaterjahre wechselten gewissermaßen aufs Altenteil, in unserem Fall in die Rollen der Könige, Väter und Mütter. Bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass ich nie einen Prinzen spielen durfte. Sei’s drum. Lars Emrich und Tobias Uhl verkörperten jetzt die neue Generation der jungen schönen Männer und Sabine Borowski, schon bei „Pünktchen und Anton” erfolgreich, durfte ihre quirlige Art als Rosenrot voll ausspielen.

Bis nächste Woche
Euer Uwe