40 Jahre - 1983

Kapitel 13 (1983)

von Uwe Weinreich

1983 kann man eigentlich als das Jahr bezeichnen, in dem Herwig Mark anfing, dem Kindertheater seinen Stempel aufzudrücken. Auch wenn er offiziell schon 4 Monate im Amt war und das Weihnachtsmärchen 1982 auch schon auf sein Konto ging, so kann man hier wie Frank Scurla in der WZ schreibt von einer Art Nachlassverwaltung sprechen. Jetzt im Frühjahr 1983 konnt er die erste „Herwig Mark-Produktion“ vorstellen. Und er hatte einen guten Griff getan, indem er sich für Max von der Grün und seine „Vorstadtkrokodile“ entschied. Und er konnte auf eine Reihe erfahrener Darsteller zurückgreifen, sei es bei den „Alten“ als auch für die Rollen der Jugendlichen. Herwig Mark hielt an den Grundsätzen Paul Winterlings fest, Rollen altersgerecht zu besetzen.

Ein auf die Hose genähtes Krokodil ist ihr Erkennungszeichen, ein verlassenes Ziegeleigebäude ihr Treffpunkt. Nur wer eine gefährliche Mutprobe besteht, wird in die Bande der „Vorstadtkrokodile“ aufgenommen. Dann aber ist Kurt da. Kurt sitzt im Rollstuhl, und er hat mit seinem Fernglas eine Beobachtung gemacht, die etwas mit den Ladeneinbrüchen in der Vorstadt zu tun hat, hinter denen man „die Ausländer“ vermutet. Mit dieser Information schafft er es, bei den Krokodilern aufgenommen zu werden. Die Bande geht Kurts Verdacht nach und plötzlich stellt sich heraus, dass einer der Jungen direkt betroffen ist.

„Die Vorstadtkrokodile“, bereits 1976 veröffentlicht, ist noch heute Schullesestoff. Zu Recht, denn es handelt sich einerseits um eine äußerst spannende Geschichte und zum anderen um Diskussionsstoff zum Thema Umgang mit Behinderten und Ausländern.

Wie schon oben erwähnt scharrte Herwig Mark ein tolles Ensemble um sich, Angelika Armonier und Dieter Weitz als schon bewährtes Bühnen-Ehepaar und hier als Eltern des behinderten Frank, in der Krokodiler Bande Antje Papist, Lars Emrich, Ralf Müller aber auch nicht - oder besser noch nicht – so bekannte wie der junge Lars Bruckhoff (er wird Jahre später unsere Schneiderei übernehmen), Michel Neef und Boris Volandt. Und Sigi Noll durfte in der Rolle des Egon Steffenhagen einmal mehr den Gauner übernehmen.

Es war eine tolle Inszenierung und ein überaus gelungener Einstand für Herwig Mark. Der damalige Kulturkritiker der WZ Frank Scurla war sichtlich angetan über die präzise Arbeit mit den Darstellern, die „spontan und konzentriert agierten“. Er bescheinigte eine rundherum erfreuliche und gelungene Aufführung.

Während des Sommer probten wir für das Stück „Schule mit Clowns“ von Friedrich Karl Waechter. Mit nur 5 Darstellern waren wir sicherlich eine eher kleine Besetzung, was es möglich machte, wenn es uns zu warm wurde, auch schon mal „open air“ auf dem Gelände unserer Schreinerei zu proben. Neben Antje Papist , die übrigens gerade erst 18 Jahre schon in 2 Filmen mitgewirkt hatte, spielten Jutta Raschtuttis, Michael Höhne und ich die 4 anarchischen Clowns und Dieter Weitz war Dr. Sinn, der Lehrer.

Ich entwarf auch Plakat und Bühnenbild. Alles spielte sich im Klassenraum ab, in dem es neben einer frei im Raum stehenden alten Tür und einem Stehpult hauptsächlich viele Kissen und Matratzen gab. Ausserdem fertigte ich Lehrmaterial in Form von Schautafeln und Karten an, die im typischen Waechterstil z.B. den Unterschied zwischen einem Mund und einem Lärmloch verdeutlichten. Ein ganz wichtiges Requisit war ein großer Schrankkoffer, der zum einen Klassenschrank war, zum anderen aber auch als Transportkiste für diverse Requisiten diente. Schule mit Clowns spielten wir an den unterschiedlichsten Stellen, auch vorm Barmer Rathaus zum Unicef Kindertag.

Lehrer Dr. Sinn, auf "Ortnunk, Tisziplin und Räspeckt" bedacht, will nach "tem Puch” vorgehen. Doch seine Schüler Karfunkel, Wiesel, Quaste und Schmaltz sind Clowns und reagieren entsprechend: Jede Unterrichtsstunde endet im Chaos. Dr. Sinn ist machtlos, und die Clowns sind überrascht, wie gut der Unterricht wieder gelungen ist.

„Die Kapitellesung ist ein Kernstück der Unterweisung.“ Bei Dr. Sinn klingt das allerdings mehr so: „Tie Karppittellessung isst ein Kernstückk der Unterweissung.“ Er ist schon eine arme Socke, der Lehrer Dr. Sinn, kriegt er doch so gar keine Schnitte bei Wiesel, Quaste, Schmalz und Karfunkel, dabei wollen sie doch nur das beste und geben sich mit Inbrunst der Aufgabe hin, dem jeweiligen Kapitel „Hilfe, mein Flugzeug brennt“, „Der Tod eines Narren“, „Das Baby und der Frosch“ oder „Schneewittchen“ Leben einzuhauchen, allerdings ihr Leben, Clownsleben.

Und je mehr Tisziplin Dr. Sinn fordert desto aberwitziger wird die Umsetzung des Lehrstoffs durch die 4 Clowns. "Tie Vorfälle von Treistikkeit unt Respektlossikkeit hapen ssich in ter letzten Zeit kehäuft". Und als am Schluss auch noch der Optiker (Jürgen Grund , unser damaliger technischer Leiter) mit roter Gumminase auftaucht, um ihm seine reparierte Brille zurückzubringen, hat sich endgültig die Welt verquert.

Aber Moment mal: hatte nicht auch Dr. Sinn eine rote Nase? Hatten nicht auch die Zuschauer rote Nasen? Haben wir nicht alle rote Nasen?

Schule mit Clowns - Ein Kindertheaterklassiker!

Ach, da fällt mir noch eine Anekdote ein. Wir spielten in der börse (als die noch am Arrenberg war, heute Villa Media). Es gibt eine Szene, in der sich alle 4 Clowns vor ihrem Lehrer unter einem großen Tuch verstecken. Wir hockten also unter diesem Tuch, während „draußen“ die Szene weiterlief. Wir merkten, dass wir nicht zu viert sondern zu sechst waren. Zwei kleine Zuschauer hatten sich aus lauter Spaß an der Szene zu uns gesellt und blieben mucksmäuschenstill unter dem Tuch, gespannt was da kommen sollten. Wir machten, denke ich, das einzig richtige: Wir ließen sie gewähren. Und nachdem Dr. Sinn den Raum verlassen hatte und wir alle unter dem Tuch wieder hervorgekrabbelt waren, fanden unsere 2 Fans es auch besser, jetzt wieder zu ihren Plätzen zurückzugehen. Kann man besser beschreiben, wie gutes Kindertheater Kinder gefangen nehmen kann und ihre Phantasie beflügelt?

Schule mit Clowns war ein echer Renner. Das Papiergeschäft Moser auf der Poststrasse richtete ein eigenes „Schule mit Clowns“ Fenster her. Und noch etwas scheint mir erwähnenswert. Die Schriftstellerin Inge Meyer Dietrich erhielt beim Festival „Literatur 84 Lüdenscheid“ für ihre Erzählung „Karfunkel“ den mit 3000 DM dotierten ersten Preis im Wettbewerb „Kinderliteratur“. Wir alle kamen in der Geschichte vor: Quaste, Wiesel und ich, Schmaltz und natürlich Karfunkel, in die sich ein kleiner Junge namens Max während einer Vorstellung verliebt.

Bevor wir zum letzten Stück dieses Jahres kommen, möchte ich euch noch über eine Ausstellung berichten, die das Kindertheater in der Zweigstelle der Stadtsparkasse auf der Üllendahler Strasse durchführte. Unter dem Motto „Theater für Kinder“ von einer Idee zur Institution lief die Ausstellung vom 22.September bis zum 7. Oktober. Eröffnet wurde sie natürlich mit vielen Reden aber auch mit Ausschnitten aus „Schule mit Clowns“. Neben vielen anderen Gästen waren auch unser alter Chef  Paul Winterling, Otto Schwung der Vorsitzende der Kulturgemeinde Volksbühne, der Direktor der Sparkasse Wuppertal Heinrich Engel und der Generalintendant der Wuppertaler Bühnen Jürgen Fabritius.

"Wo waren wir stehenkepliepen?" - Oh, Entschuldigung Herr Dr. Sinn aber mit „Schule mit Clowns“ sind wir fertig.

Das Jahr endete mit einem Märchen. Ja, auch Herwig Mark setzte auf Märchen und inszenierte „Der Froschköng“. Einer Prinzessin fällt ihre goldene Kugel beim Spiel in den Brunnen, und ein Frosch bietet sich an, ihr zu helfen. Sie muss ihm dafür versprechen, seine Spielkameradin zu werden und Tisch und Bett mit ihm zu teilen. Als sie die Kugel zurück hat, läuft sie davon. Doch der Frosch folgt ihr und auf Drängen ihres Vaters bekennt sie sich widerwillig zu ihrem Versprechen. Als jedoch der Frosch einfordert, dass sie ihn mit in ihr Bett nehmen solle, ist ihre Abscheu so groß, dass sie das Tier an die Wand wirft. Im gleichen Augenblick verwandelt sich der Frosch in einen Prinzen. Nach dem Willen ihres Vaters führt er die Königstochter als seine Gemahlin in einer Kutsche in sein Königreich. Während der Fahrt springen Heinrich, dem treuen Diener des jungen Königs, aus Freude über die Erlösung seines Herrn mit lautem Krachen die drei eisernen Bande entzwei, die er um sein Herz trug, nachdem sein Herr in einen Frosch verwandelt worden war.

"Heinrich, der Wagen bricht!" 
"Nein, Herr, der Wagen nicht, 
Es ist ein Band von meinem Herzen, 
Das da lag in großen Schmerzen, 
Als Ihr in dem Brunnen saßt 
Und in einen Frosch verzaubert wart." 

Ich kann den Text noch, weil ich in mehreren Vorstellungen für Dirk Wegmann als Heinrich einspringen durfte. Ansonsten war die Besetzung vorgegeben, Udo Dülme war der strenge Vater, Lars Emrich spielte den Froschprinzen und als neuer Star am Prinzessinnenhimmel erstrahlte Eva-Marie Höffer.

In einer dieser Aufführungen, es war ein Abstecher nach Waltrop, passierte gewollt-ungewollt folgendes: Die Szene spielt beim Essen an einem langen Tisch und Vater Udo haut auf den Tisch um seinen Worten in Richtung seiner Tochter, ihr Versprechen gegenüber dem Frosch einzuhalten, Gewicht zu verleihen. Udo hatte sich ausgedacht, dass er bei diesem Schlag doch den Löffel treffen könnte und…

…und er traf! Dank Hebelgesetz (Wir erinnern uns: Kraft mal Kraftarm = Last mal Lastarm) flog dieser Löffel in die Luft, vollführte zwei Loopings, um dann exakt auf einem anderen Teller zu landen. Wenn so etwas passiert, ist es auch für den abgebrühtesten Darsteller unmöglich ernst und  in seiner Rolle zu bleiben. Die anderen am Tisch hatten es da etwas einfacher. König Udo hingegen, streng und unerbittlich, hatte große Mühe seine Sätze zu Ende zu bringen.

Mittlerweile war es üblich geworden, dass die Weihnachtsstücke, wegen der großen Nachfrage nach Karten auch immer noch im Januar und Februar des Nachfolgejahrs gespielt wurden, so dass wir leicht auf 40 bis 50 Aufführungen für das Weihnachtsmärchen kamen. Auf diese Weise rutschen wir ganz leicht ins nächste Jahr. Ich hoffe, wir sehn uns da.

Bis nächste Woche
Euer Uwe