40 Jahre - 1984

Kapitel 14 (1984)

1984 war das Märchenjahr. Herwig Mark hatte zwar, wie ich schon berichtet habe, eine starke Affinität zu Märchenstoffen. Dass wir aber 1984 gleich zwei davon im Programm hatten, kann man ihm nicht zurechnen. Es gab da wohl immer noch einen Vertrag aus Paul Winterlings Zeiten, der umgehend umgestzt werden musste. So kam es, dass es bereits im Frühjahr 1984 ein Märchen gab, nämlich „Aschenbrödel”, wie es bei Ludwig Bechstein heißt oder „Aschenputtel” bei den Gebrüdern Grimm.

Eva-Marie Höffer, Prinzessin im letzten Jahr, spielte die Titelrolle, und sie machte das hervorragend. Es gab nämlich noch ein Novum: Tiere auf der Bühne. Hier war es eine wunderhübsche weiße Taube. Und wer jemals mit Tieren zu tun hatte und ihnen zu einer bestimmten Zeit ein Kunststück abverlangte, und sei es nur, ruhig dazusein, wird verstehen, dass es doppeltes Herzklopfen bereitet, mit so einer Nummer aufzutreten. Und diese Taube hatte immerhin einmal über die Bühne zu fliegen, um dann wieder auf Aschenputtels Hand zu landen!

Die junge Tochter eines reichen Kaufmanns wächst wohlbehütet auf, bis nach dem Tod ihrer Mutter ihr Vater eine Witwe heiratet, die zwei Töchter mit ins Haus bringt. Stiefmutter und Stiefschwestern machen dem Mädchen auf alle erdenkliche Weise das Leben schwer. Heute würde man das schlichtweg Mobbing nennen. Weil es nicht nur gröbste Schmutzarbeit leisten muss, sondern fortan auch in der Asche neben dem Herd zu schlafen hat, wird das Mädchen Aschenputtel genannt.

Und hiermit beginnt das eigentliche Märchen. Es gibt ein dreitägiges Fest, auf dem auch Aschenputtel, dank eines Zaubers, jedesmal in einem wunderschönen Kleid erscheint. Der Prinz hat nur Augen für sie. Um aber vor Ende des Zaubers wieder zu Hause zu sein, muss sie vorzeitig das Fest verlassen. Dabei verliert sie am dritten Tag einen Schuh. Der verliebte Königssohn macht sich auf die Suche nach der Besitzerin des Schuhs und gelangt dabei auch ins Haus von Aschenputtel und ihren Stiefschwestern, die sich beide nacheinander als Besitzerin des Schuhs ausgeben und dabei sogar in Kauf nehmen, Zeh oder Ferse abzuschneiden, um in den Schuh zu passen.

Die Tauben verraten aber: „Rucke di guh, rucke di guh, Blut ist im Schuh. Der Schuh ist zu klein, die rechte Braut sitzt noch daheim.” Aschenputtel, der als einzige der Schuh passt, wird schließlich als wahre Braut erkannt. Und wenn sie nicht gestorben sind… Den Rest kennt ihr.

Und wieder war Udo Dülme der Brautvater, und Andrea Knop spielte die böse Stiefmutter. Ihr zur Seite Heike Melzer und Celine Schäfer als Stieftöchter. Michael Karp durfte den Prinzen spielen und wie in allen Märchen gab es dann noch Gäste am Hof, Pagen etc. Auf den Fotos habe ich u. a. Gabi Schreiber und Lars Bruckhoff entdeckt. Von beiden werdet ihr in den nächsten Jahren noch viel mehr hören.

An die größeren Kinder wendeten wir uns mit dem Stück „Nürüls Reise ins große Fabrikland”. Es ist ein Stück, das durch seinen ungeheuren Realitätsbezug verblüffte, obwohl seine Hauptfiguren Nürül, ein alter Hausgeist, und auch das Mondpferd Kamertay Märchengestalten sind. Doch das macht die Geschichte natürlich auch besonders spannend und interessant, und nicht zuletzt tragen diese beiden dazu bei, die Menschen, um die es Stück geht, kennen und verstehen zu lernen.

Da ist zum einen die Familie Flotsch, von der Kritik besonders gewürdigt Rita Reineke und Paul Denstädt, die sich auf einer Reise durch die Türkei befindet. Und sie verhält sich auch genau so, wie sich so mancher deutsche Tourist im Ausland gerne verhält: Auffälliges, arrogantes Auftreten in kurzen Hosen und knappen T-Shirts und im Gepäck jede Menge Vorurteile gegenüber Gastgebern, gepaart mit Skepsis und Misstrauen gegen alles, was nicht deutsch ist.

Am Beispiel der Familie Duman zeigt das Theaterstück sehr deutlich die Situation einer türkischen Familie in Deutschland. Auf der einen Seite die Erwachsenen, tief verwurzelt in Religion und Tradition. Die Frau hat sich dem Mann unterzuordnen. Spannung entsteht durch die Beziehung zu ihren zwei Kindern, die beide in Deutschland aufgewachsen sind, und deren Ansichten und Perspektiven nichts mit denen ihrer Eltern gemein haben. Die Tochter möchte, unterstützt durch die Lehrerin, Ärztin werden. Für ihren Vater gehört die Frau an den Herd. Er hat auch bereits eine Verlobung in der Türkei arrangiert. Nürül, der alte Hausgeist der Familie Duman, eilt nach Deutschland, um seiner Familie zu helfen, muss aber auch erkennen, dass er letztendlich scheitern wird.

Yvonne Müller und ich spielten das türkische Ehepaar mit den beiden Kindern Gabi Schreiber und Tobias Uhl. Den quirligen Hausgeist Nürül spielte Ralf Müller, der auf seinem Mondpferd Kamertay (Michael Höhne) durch die Lüfte ritt.

Zu der Zeit, muss ich gestehen, wussten wir sehr wenig von der türkischen Kultur. Als echtes Urlaubsland war die Türkei noch nicht entdeckt (man fuhr nach Spanien, Jugoslawien und Griechenland). Türkische Lokale waren noch rar gesät in Wuppertal. Um uns allen das Thema näher zu bringen, machte Herwig Mark zwei Dinge. Erstens: er engagierte den jungen Türken Kerim Peter, der bei den Proben dabei war und denjenigen half, richtig zu agieren, die die Türken spielten. Außerdem war er für die getreue türkische Musik verantwortlich. Zweitens: wir gingen alle zusammen in eine Vorstellung des Films „Eine Saison in Hakkari”, der beschreibt, welchen Kulturschock ein türkischer Lehrer erlebt, der für ein Jahr nach Hakkari, einem Bergdorf im fernen Anatolien versetzt wird. Beides, die vielen Gespräche mit Kerim (bei Köfte und Raki) und die Diskussion über das Leben in der Türkei außerhalb von Istanbul haben uns ungeheuer geholfen, diesen schweren Stoff leicht auf die Bühne zu bringen.

Eine mir peinliche Begebenheit will ich hier nicht unerwähnt lassen. Ich war als Vater so emotional aufgebracht, dass sich meine Tochter meinen Worten und Anweisungen widersetzte, dass ich ihr eine Ohrfeige geben sollte. Das war von der Regie vorgegeben und vielfach geprobt. Dass ich dann allerdings während einer Vorstellung wirklich so in Rage geriet (der Türke ging mit mir durch) und deutlich fester zuschlug als geprobt, war natürlich unbeabsichtigt. Bei Gabi Schreiber platzte das Trommelfell, was aber Gott sei Dank zu nähen war. Ihr könnt euch vorstellen, dass ich in zweierlei Hinsicht fix und fertig war, während der Vorstellung als Vater Duman, der sich von aller Welt verlassen vorkam und nach der Vorstellung, als ich erfuhr, was ich da angerichtet hatte.

Zu Weihnachten gab es „Zwerg Nase”, ein Märchen – diesmal nicht von den Gebrüdern Grimm, sondern von Wilhelm Hauff. Die Geschichte erzählt von Jakob, dem Sohn einer Marktfrau, der, weil er eine alte Frau beschimpft, die die Ware seiner Mutter schlecht macht, selbst bei dieser Frau, nachdem er ihr den Einkauf heimgebracht hat, in einen Schlaf versetzt wird und als Zwerg Nase wieder aufwacht. Niemand erkennt ihn mehr. Er erlernt das Kochen und wird berühmt. Eine Gans, die er vor dem Tod im Kochtopf bewahrt, hilft ihm, ein bestimmtes Kräutlein „Niesmitlust” zu finden, das unbedingter Bestandteil der Pastete Souzeraine ist, die er bei einem Festmahl seines Herzogs bereiten soll. Er riecht an dem Kraut und wird zurückverwandelt. Auch Mimi wird von ihrem Dasein als Gans erlöst.

Lars Emrich war Jakob und Nicola Führ war Mimi. Ergänzt wurden die beiden durch ein großes Ensemble, noch 10 weitere Schauspieler stehen auf der Bühne. In weiteren Rollen agieren u. a. Wibke Böhme (die Tochter unseres Bühnenbildners) als Jakobs Mutter und Gabi Schreiber als Kräuterhexe. Udo Dülme und Michael Karp-Armonier geben das dümmliche Adelsgespann Fürst und Herzog.

Bis nächste Woche
Euer Uwe