40 Jahre - 1985

Kapitel 15 (1985)

von Uwe Weinreich

Das Jahr 1985 begann mit einem ganz wunderbaren Stück „Kiebich und Dutz”. Vielleicht wird euch der Titel nicht allzu viel sagen, ist es doch auch weniger als Buch denn als Theaterstück von Friedrich Karl Waechter konzipiert worden. F. K. Waechter war zu dieser Zeit einer der angesagtesten Künstler im deutschsprachigen Raum. Er war ein Multitalent, ein Musiker, Schriftsteller, Zeichner und Cartoonist, vor allem für satirische Zeitschriften wie „Pardon”, später dann auch für „Titanic”. Er gehörte der typischen 68er Generation an, die den politischen Wandel in der damaligen Bundesrepublik durchsetzen wollte. Dies galt vor allem auch in Fragen der Erziehung von Kindern. Zu dieser Zeit entstanden „Kinderläden”, alternative Kindergärten, in denen antiautoritäre Erziehung groß geschrieben wurde. Waechters Stücke muss man deshalb immer in Verbindung mit der Zeit sehen, in der sie entstanden sind. Das gilt besonders für „Schule mit Clowns”, das zwei Jahre zuvor bei uns Premiere hatte.

„Kiebich und Dutz” beschäftigt sich mit der Angst von Menschen, das Leben zu meistern, neue Lebensschritte zu begehen. Waechter bekam für Kiebich und Dutz 1983 den renommierten Brüder-Grimme-Preis. Er schrieb auch das Drehbuch für die Verfilmung von „Kiebich und Dutz”, die 1987 mit Michael Altmann und Heinz Werner Kraehkamp in die Kinos kam.

Zwei Freunde, Kiebich und Dutz, wohnen in einer Kiste, die sie noch nie verlassen haben. Im Gegensatz zu Dutz, der ängstlich ist und das Leben in den Kissenbergen der Kiste nicht ändern möchte, zieht es Kiebich hinaus in die Welt, die er allerdings nur aus seinen Comics kennt.
„Wenn du nicht rauskommst, versteinerst du, wirst hart wie Kamelmist und wächst nicht mehr, und das Leben in dir hört auf, bevor du die Welt gesehen hast.” Doch Dutz lässt sich nicht überzeugen, und so zieht Kiebich ohne die „Wimmersuse” Dutz allein in die Welt. Dort merkt er allerdings sehr schnell, dass diese Welt nichts gemein hat mit seiner Comicwelt und er dieser nicht gewachsen ist, auch wenn er sich das nicht eingestehen will. Er gerät in die Fänge einer fremden Macht in Form einer Maschine, die sich Nickel nennt und Kiebich auserwählt hat, mit ihm zusammen das Symbion KN11 Q zu schaffen und die Welt zu beherrschen. Kiebich willigt ein und verliert seinen Kopf im wahrsten Sinne des Wortes.

Aber Nickel hat die Rechnung ohne Dutz gemacht, der es geschafft hat, über seinen Schatten zu springen, Nickel zu überlisten und Kiebichs Kopf wieder an den richtigen Platz zu bugsieren. Der kleine ängstliche Dutz rettet dem großen starken Kiebich das Leben. Das Stück zeigt sehr anschaulich, wozu Freundschaft fähig ist. „Allein kriegst du leicht Schiss; aber zu zweit ist das eine herrliche Sache.”

Michael Höhne spielte Dutz, und ich war Kiebich. Nicht zu vergessen seien an dieser Stelle noch Tobias Uhl, der als Durchblicker eine Art Erzähler verkörperte und auch Nickel seine Stimme gab und Pascal Schäfer, der mein kopfloses Unterteil spielte. Ich habe diese Rolle sehr geliebt, bot sie doch alle Möglichkeiten, sich im besten Sinne zu verausgaben. Wie bei Schule mit Clowns lässt Waechter viel Freiraum für eigenes Tun, was sowieso der Art Herwig Marks, Stücke zu inszenieren, sehr entgegen kam.

Bei Paul Winterling gab es eine klare Ansage. Er hatte die Stücke ausgesucht und wusste genau, wie jeder Schauspieler zu agieren hatte. Zur Not spielte er eine Szene so oft vor, bis man sie drauf hatte. Ganz anders Herwig Mark. Auf unsere Fragen, wie er es denn gerne hätte, hörten wir oft: „Biete doch mal was an.” Mit anderen Worten, Herwig hatte zwar sicherlich auch eine genaue Idee der Rollenumsetzung, ließ uns aber viel Spielraum, bzw. er erwartete, dass wir uns mit unserer Rolle auseinandersetzten. Dies verschreckte uns Altgediente im ersten Moment, auf der anderen Seite lernten wir mehr und mehr, dieser Art der Regieführung viel abzugewinnen, ja, wir wurden geradezu „Herwigfans”. Herwig lotete bei jedem Schauspieler aus, wie weit er in der Lage war, die Rolle so umzusetzen, wie er es sich vorstellte. Dabei verbog er aber niemanden, sodass man zum Schluss der Meinung war, dass das Endresultat einzig und allein „auf eigenem Mist gewachsen war”. Diese neue Art, die Herwig Mark einführte, war auch in anderen Dingen sichtbar. Herwig bezog uns mit ein, wenn es darum ging, Szenen umzusetzen, die noch unklar waren. Er führte den berühmten „Probengroschen” ein.

Für alle unter euch, die nur mit dem Euro aufgewachsen sind, sei kurz erklärt, dass es vor der Einführung des Euros die Deutsche Mark gab. Ein Zehntel einer Mark waren zehn Pfennig oder ein Groschen. Den bekam man von Herwig, wenn man eine besonders gute Idee für die Umsetzung einer Szene hatte, sei es in technischer oder in schauspielerischer Hinsicht.

OK, 10 Pfennig oder heute 5 Cent sind nicht gerade Reichtümer, die man auf diese Weise scheffeln konnte; aber es war irgendwie eine besondere Belohnung, die wir auch stolz entgegennahmen.

Sicherlich nicht wegen des Groschens waren wir plötzlich in der Lage, über unsere Grenzen zu gehen, nicht mehr eine Rolle einfach innerhalb von 90 Minuten abzuliefern, sondern uns dieser Aufgabe mit Haut und Haar zu verschreiben, weil wir auch spürten, dass wir etwas, ach, was sage ich, ganz viel zurückbekamen. Dass das dann auch mal bis zur Erschöpfung ging wie bei „Kiebich und Dutz”, wurde erst nach dem Schlussapplaus spürbar. In der Tat waren Michael Höhne und ich immer fix und fertig nach einer Aufführung. Es waren 90 Minuten ununterbrochen Slapsticks, Tanzen, Singen, Fallen und Wiederaufstehen, Sich-in-Kissen-Verbuddeln, um sofort in einer Kissenschlacht zu enden, Lachen, Weinen, Schreien, Kämpfen, sodass eine Doppelvorstellung nicht in Frage kam. Es war ein so wundervolles Theaterstück.

Nicht unerwähnt sollte Uwe Böhmes Bühnenbild sein, der eine Kiste gebaut hatte, in der wir auf kleinstem Raum agieren mussten. Das absolute Schmuckstück in dieser Enge war ein alter nachempfundener Kohleofen, auf dem ein Topf mit Brei stand, woraus Dutz seine Breiwälle formte.

Und die Kritik sparte nicht mit Lob für Herwigs neue Art, Kindertheater zu spielen. So schrieb die WAZ: "Euphorie in der Theaterkritik sollte man eigentlich vermeiden. Was Herwig Mark und seine Mitarbeiter auf die Beine gestellt haben, das hat schon Euphorie verdient." Oder die Bergische Blätter: "Die sorgfältige bis ins Detail ausgefeilte Inszenierung von Herwig Mark verrät eine einfühlsame, sehr intensive Arbeit mit den Laiendarstellern, die wirklich über sich hinauswachsen." Und noch die Westphalenpost: "Jauchzende tobende Kinder, begeisterte Eltern." Oder die Westdeutsche Rundschau: "Herausgekommen ist dank der hervorragenden Inszenierung von Herwig Mark und den Hauptdarstellern Uwe Weinreich und Michael Höhne eine Vorstellung, die neben starkem Beifall von allen Zuschauern nur mit Attributen wie „spitze”, „super” und „toll” honoriert wurde." Und schließlich die WZ: "Unter der Anleitung von Herwig Mark wurden Uwe Weinreich und Michael Höhne ihren nicht leichten Aufgaben mehr als gerecht. Wie bei ihnen der Funke zu einem ganz jungen Publikum überspringt, darin machen sie manchem Profi etwas vor."

Nach diesem erfolgreichen Gongschlag zu Jahresbeginn, setzte Herwig Mark auch mit seiner zweiten Inszenierung auf ein kleines, aber intensives Stück. Ich spreche von „Robinson lernt tanzen”. Es ist die berühmte Geschichte mit Robinson und Freitag. Auf der einen Seite der welterfahrene Robinson, verkörpert durch Udo Dülme, auf der anderen Seite der einfache Eingeborene Freitag (Ralf Müller). Hier preußische Regeln und Verbote, dort pure Unbekümmertheit und Lebenslust. Sehr spät muss Robinson erfahren, dass zu einem glücklichen Leben mehr gehört als Gesetze und deren peinliche Überwachung.

Dieses Stück war ein Novum, da es zwischen den Zuschauern spielte, so dass es leicht war, diese einzubeziehen. Udo Dülme ließ sich für das Stück einen mächtigen Bart wachsen, um als Robinson glaubhaft zu sein. Mittelpunkt des Bühnenbilds war ein naturgetreues Baumhaus, in das Udo vor Einlass der Zuschauer verschwinden musste. Vom Textumfang in diesem Stück gab es ein großes Ungleichgewicht zwischen den beiden Hauptdarstellern. Udo hatte über eine Stunde Solotext, weil er natürlich zuerst allein auf der Insel agiert und später, nachdem er Freitag getroffen hat, dieser sich auch mehr durch Nachplappern auszeichnet.

Eine Anekdote berichtet, dass in einer Vorstellung während des langen Monologs Udo sich beim Apfelsinenschälen mit dem Messer schnitt und stark blutete, was dazu führte, dass mit dem Mund sprechen und Blut stillen immer im Wechsel passieren musste; aber ich habe euch ja bereits erzählt, dass man in solchen Momenten soviel Adrenalin ausschüttet, dass man erstens keinen Schmerz spürt und zweitens einem auch gar nicht in den Sinn käme, eine Vorstellung zu unterbrechen oder zu beenden.

Wie schon bei „Kiebich und Dutz” würdigte die Kritik Herwig Marks Inszenierung vor allem wegen der fein herausgearbeiteten Charaktere, die auf eine intensive Auseinandersetzung mit dem Stoff schließen lassen.

Und dann war schon wieder Vorweihnachtszeit und damit Premiere der Märcheninszenierung, in diesem Jahr „Schneewittchen”. Wenn man dieses Märchen auf die Bühne bringen möchte, steht man immer vor dem Dilemma: „Wie bringe ich 7 Zwerge auf die Bühne?”. Man kann die Rollen mit Kindern besetzen, was aber eigentlich den Rollen nicht gerecht wird, da Zwerge nun mal keine Kinder sind. Man kann auch, wie im deutschen Nachkriegsmärchenfilm passiert, mit Liliputanern besetzen, was mir schon als Kind absolut nicht gefallen hat.

Die Bühnenbearbeitung von Carlo Formigoni benutzte einen Trick, indem die Geschichte Schneewittchens in die reale Welt eines Mädchens versetzt wurde, das die Schneewittchen- geschichte träumen durfte, nachdem sie ihr vom Babysitter vorgelesen worden war. Und da übernahmen jetzt ihre Puppen die Rollen der Zwerge, die Mutter wird zur bösen Stiefmutter und der Babysitter zum Prinzen. Formigoni zeichnete sich immer durch sehr fantasievolle Geschichten aus, und schon Paul Winterling hatte mit „Stadt der Tiere” 1978 auf eine Formigoni-Geschichte zurückgegriffen. Neben Claudia Eberbach als Schneewittchen waren es vor allem die Zwerge und  ihre unsichtbaren Akteure, die die Herzen der Zuschauer im Flug eroberten.

Zum Schluss noch eine kleine Randnotiz, die verdeutlicht, dass nicht alles eitel Freude und Sonnenschein war beim Kindertheater. Die Westphalenpost schreibt am 10.12.1985 am Ende ihrer Kritik zu unserer Schneewittchen Aufführung in Schwelm: "Herwig Mark, der mit Schneewittchen einen weiteren Erfolg verbuchen kann, bleibt übrigens doch bei der „Volksbühne”. Denn da letztere in finanziellen Schwierigkeiten steckte, war dem tüchtigen Mann vorsorglich gekündigt worden. Aber das Kulturamt Wuppertal hat die finanzielle Lücke geschlossen, so dass Herwig Mark weiterhin als Spielleiter fungieren wird. Die Fans freut’s."

 Und ich freue mich, wenn ich euch hoffentlich alle nächste Woche wiedersehe.

Euer Uwe