40 Jahre - 1986

Kapitel 16 (1986)

von Uwe Weinreich

Da seid ihr ja wieder. Heute erzähl‘ ich euch etwas über das Jahr 1986, das ganz unspektakulär begann. Noch wusste es nämlich nicht, dass es der Beginn einer wahren Aufführungswelle werden sollte, der Janosch-Welle. Janosch war 1986 noch nicht auf dem Höhepunkt seiner Karriere, also keine Zeichentrickfilme, keine Radiergummi-Tigerenten, keine Tigeruhren, kein Tigerenten-Club im Fernsehen, nicht das ganze in späteren Jahren ausufernde Merchandising um seine beiden berühmtesten Figuren: den kleinen Bär und den kleinen Tiger. Nein, Janosch war zu dieser Zeit ein eher nur in Insiderkreisen geachteter Bilderbuchautor. Seine erste Tiger-und-Bär-Geschichte war aber eingeschlagen wie eine Bombe. „Oh, wie schön ist Panama” erblickte 1978 das Licht der Welt und bekam gleich den deutschen Kinderbuchpreis.

Gute Geschichten gehören auf die Bühne und so sollte „Oh wie schön ist Panama” in der Bearbeitung von Marianne Terplan unser Frühjahrsstück werden.

Udo Dülme wurde der kleine Bär und ich der kleine Tiger. Zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, auf was wir uns eingelassen hatten; aber dazu später. „Panama” ist für mich immer noch die schönste aller Tiger-und-Bär-Geschichten, und wir hatten rückblickend einen ungeheuren Spaß. Die Rollenverteilung war klar, Udo war der vernünftige, kluge, erwachsene Teil des Duos, ich war der verspielte, unbekümmerte Bruder Leichtfuss, getreu der Vorgabe von Janosch.

Uns beiden fiel es nicht schwer diese Rollen zu verkörpern, man kann vielleicht sogar sagen, sie waren uns auf den Leib geschneidert. Apropos geschneidert, Lars Bruckhoff hatte inzwischen die Kostümschneiderei übernommen und stand vor der Aufgabe, entsprechende Tiger-und-Bär-Kostüme zu entwickeln. Udo bekam als Bär einen „Vollpelz” in brauner Wolle, der dazu führte, dass er bei jeder Aufführung einige Liter Schweiß verlor. Ich war da etwas besser dran, da mein Fell als Latzhose gearbeitet war, sodass ich nicht diese „Schweißprobleme” hatte. Allerdings kam es immer wieder vor, dass mich Kinder als Biene Maja ansprachen. Ich frage euch ernsthaft: wer erwartet in einer Janosch Geschichte die Biene Maja? Und wer hat jemals eine Biene mit einem langen Wuschelschwanz gesehen?

Herwig Marks Konzept war es, dass Bär und Tiger bereits die Zuschauer beim Einlass begrüßten und auf diese Weise Kontakte zu den Kindern knüpften. Außerdem konnten wir die vor allem sehr kleinen Kinder in die vorderen Reihen verteilen und die Erwachsenen bitten, hinten Platz zu nehmen. In einem Kostüm ist dies allemal einfacher. Und wenn gar nichts half, dann kam „Plan B” zum Einsatz:

Tiger und Bär auf der Bühne wenden sich an die Kinder im Publikum.
Tiger:  Wisst ihr eigentlich, was ganz wichtig ist und worauf man unbedingt und sehr achten muss, wenn Mäuse oder Ameisen ins Theater kommen?  Nein?
Bär:     Dass sie genügend Mäuse- oder Ameisenproviant dabei haben.
Tiger:
  Ja, Bär, das auch. Aber das allerallerwichtigste ist, dass sie nicht hinter einer Giraffe sitzen.
Bär:     Genau Tiger, weil, dann sehen sie doch überhaupt und gar nix, quasi  nur Giraffenrücken.
Tiger:  Genau Bär, aber leider kommt es immer wieder vor, dass so eine Giraffe ganz vorne in der Mitte sitzt und all die kleinen Tiere hinter ihr überhaupt nichts sehen können.
Bär:     Aber Tiger, das machen die Giraffen doch nicht extra. Die haben nur    die Augen soweit oben, dass sie die kleinen Tiere gar nicht sehen können.
Tiger:  Deshalb ist es wichtig, dass eine Maus, wenn sie nichts sehen kann,  die Giraffe mal anstupst oder zwickt und ihr sagt, dass sie nichts sieht.
Bär:     Und was macht dann die Giraffe?
Tiger:
  Die steht sofort und gleich auf und setzt sich vor eine andere Giraffe.  Ist doch klar wie Kloßbrühe.
Bär:     Und was für Giraffen gilt, gilt auch für Nilpferde und Elefanten.
Tiger:  Selbstmurmelnd.

Ihr könnt euch denken, was jetzt meistens passierte. Selbst die abgebrühtesten Ich-bin-extra-früh-gekommen-damit-ich-gut-sehen-kann-Erwachsenen rückten jetzt klammheimlich an die Seiten oder nach hinten. Wir ließen da auch nicht locker und fingen immer erst an, wenn wir freie Sicht auf alle kleinen Kinder hatten. Meistens schminkten wir uns auch vor den Zuschauern, sodass es für die Kinder einen langsamen Wechsel gab von der Person zur Rolle.

Wir waren uns unserer Verantwortung, dass dort im Zuschauerraum ganz kleine Kinder saßen, vielleicht zum allerersten Mal in einem Theater und dann noch von den Eltern getrennt, voll bewusst. Ich denke, wir hatten niemals jüngeres Publikum; aber ich habe nie erlebt, dass ein Kind vor den beiden Figuren Angst empfand.

Auch das Schminken hatte sich gewandelt im Wechsel von Paul zu Herwig. Herwig Mark mochte das übertriebene Schminken nicht, sondern akzeptierte es nur, wenn es wichtiger Bestandteil des Kostüms, der Rolle war. Und das Schminken machten wir jetzt selbst. Bei „Panama” waren es nur ein paar schwarze Striche, die die Tiernasen verdeutlichten.

„Oh, wie schön ist Panama” ist ein typisches Stationenstück. Weil der Bär eine leere Kiste angelt, auf der Panama steht, machen sich beide auf den Weg, um das verheißungsvolle Panama zu finden, in dem es, wie in der Kiste, überall nach Bananen riecht. Sie treffen viele Tiere, die sie nach dem Weg fragen, was aber letztendlich dazu führt, dass sie im Kreis gehen und in ihrem Zuhause landen. Das ist inzwischen verwildert und sie erkennen es nicht wieder, so dass sie nun alles mit anderen Augen sehen. All die Dinge, die vorher öde und langweilig waren, sind jetzt interessant.

Pascal Schäfer (Igel, Fuchs und Krähe) und Holger Schlafhorst (Maus, Gans, Kuh und Hase) schlüpften in die verschiedenen anderen Tierrollen. Uwe Böhme hatte getreu der Janosch Vorlage all die Elemente auf die Bühne gezaubert, die die Kinder aus ihren Janosch Büchern kannten. Viele Kinder hatten auch ihr Bilderbuch mitgebracht, um festzustellen, ob auch alles richtig war. Mein Lieblingsrequisit wurde das berühmte rote Sofa, das leider inzwischen nicht mehr existiert, weil wir es wirklich kaputtgespielt haben. Wenn ihr jetzt gedacht habt, ich würde sagen, dies sei die Tigerente gewesen, so muss ich euch enttäuschen, denn die Tigerente war niemals ein Requisit für mich, sondern immer ein Darsteller. Außerdem hatte ich ein ganz persönliches Verhältnis zu ihr. Wie gesagt, es gab noch keine Janosch Artikel zu kaufen, also baute ich die Tigerente selbst. Und im Gegensatz zu später käuflich zu erwerbenden, war sie äußerst stabil und in der Lage, während des Rollens auch entenmäßig hin und her zu wackeln. Sie lebt übrigens heute noch und fühlt sich in unserem Fundus pudelwohl – ach Quatsch, entenwohl natürlich. Sie hat es mir selbst gesagt, als wir uns vor ein paar Tagen trafen.

Oh wie schön ist Panama wurde ein Kracher, und Udo und mir wurde klar, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein konnte, dass wir in unsere Wollfelle schlüpfen mussten. Janosch sagte einmal selbst in einem Interview über diese Geschichte: „Jeder lebte schon immer im Paradies, hat es nur nicht gewusst.” Oder um es als kleiner Tiger zu sagen: „Uns geht es gut. Wir haben alles, was das Herz begehrt. Und wir brauchen uns vor nichts zu fürchten.”

Diesem Kommentar ist eigentlich nur noch ein kleiner Absatz aus der Kritik der Schwelmer Zeitung hinzuzufügen: „Oh, wie schön ist Panama schildert einen wirklichkeitsnahen Traum von Kindern jeden Alters. Der einfühlsamen und fröhlichen Darstellung des Wuppertaler Theaters gelang es, die Zärtlichkeit und den Humor, die Sehnsucht und die Erdenschwere dieser Fabel anschaulich und anregend auf die Bühne und in die Kinderherzen zu bringen. Ein Theaterspiel also, dass Träume bereichert hat: um den Wegweiser nach Panama.”

Lieber geneigter Leser, jetzt komme ich an eine Stelle meines Berichts, wo ihr mich fragen könnt, ob ich nicht bis drei zählen kann. Doch ich kann es; aber alle Recherche hat ergeben, dass wir in diesem Jahr nur 2 Stücke spielten. Fragt mich bitte nicht, was der Grund dafür war. Ich werde aber weiterhin alle Menschen fragen, die sich zurückerinnern können. Sollte es zu einem Ergebnis führen, werde ich euch dies selbstverständlich wissen lassen.

Und so sind wir also schon beim Weihnachtsmärchen. Zum zweiten Mal stand „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen” auf dem Programm. Die Hauptrolle spielte diesmal Ralph Müller. Michael Karp, der diese Rolle 8 Jahre zuvor gespielt hatte, schlüpfte in die Rolle des Vaters. Kinder, wie die Zeit vergeht. Ich verkneife mir an dieser Stelle, euch noch einmal die Handlung zu schildern. Wer sich also nicht mehr erinnern kann, möge bitte ins Jahr 1978 gehen und dort nachlesen. Den Gag, in den Bottich, der zum Schluss über den jüngsten Sohn ausgeschüttet wird, richtige Fische zu tun, wollte man nicht wiederholen; aber es ergab sich eine andere Gelegenheit. An irgendeiner Stelle im Stück geht der Vater abends mit einer Lampe an die Haustür, um hinauszuschauen, weil ein Unwetter tobt. Herwig Mark kam auf den treffenden Einfall, ihn den Satz sagen zu lassen: „Dunkel ist’s wie im Hintern.” Dieses hatte wohl immer Herwigs Vater gesagt, um eine besonders schwarze Nacht zu charakterisieren. In einer Vorstellung passierte es nun, dass Michael Karp, wie gewohnt zur Tür stapfte, sie öffnete, die Lampe hob und seinen Satz sagte: „Dunkel ist’s wie im Hintern.”

Doch was er dann sah, muss ihn kurz erschreckt, aber sicherlich zu einem Grinsen verleitet haben. Hinter der Tür hatte sich ein echter nackter Hintern postiert, dem auch noch 2 Ohren angeklebt waren. Michael wird sicherlich Mühe gehabt haben, Fassung zu wahren und so zu tun, als sei nichts passiert. Das alles geschah natürlich so, dass es die Zuschauer nicht mitbekamen.

Für diese Woche war’s das, 1987 wartet aber schon auf uns...

Bis nächste Woche
Euer Uwe