40 Jahre - 1987

Kapitel 17 (1987)

von Uwe Weinreich

Nachdem wir im Frühjahr 1986 mit „Oh, wie schön ist Panama” als Zielgruppe die kleinen Kinder hatten,  begann unser Jahr 1987 mit einem Stück für die größeren Kinder. Michael Endes „Momo” stand auf dem Plan. Inzwischen hatten wir von der Elberfelder Stadthalle Besitz ergriffen. Auf der Suche nach einer festeren Bleibe hatte man uns den Keller der Stadthalle angeboten. Das ist der Ort, in den nach der Renovierung 1995 das Restaurant „Rossini” einzog.

Wir fanden dort eine total heruntergekommene Lokalität vor, die sich seit der Nachkriegszeit, als hier Vertriebene untergebracht worden waren, kaum verändert hatte. Aber so etwas schreckte uns nicht, und so krempelten wir die Ärmel hoch, und unter der Anleitung von „Meister Böhme” zauberten wir dort ein kleines Theater mit eigenem Eingang. Allerdings durften dort nach der Spielstättenverordnung maximal 100 Zuschauer pro Vorstellung Einlass finden, sodass wir nach wie vor immer noch auf Wanderschaft gingen; aber das waren wir ja seit 16 Jahren gewöhnt.

Hier unten hatten wir viel Platz zum Proben, was uns allemal besser gefiel als im Haus der Jugend in Barmen, zumal mit Herwig Mark ein viel intensiveres, also häufigeres Proben Einzug gehalten hatte. Wir hatten hier für eine Zeit das Gefühl, im Besitz eines eigenen kleinen Theaters zu sein, was uns allen gut tat. Auch konnten wir nebenan die Räumlichkeiten der alten Küche mitbenutzen, wo wir auch schon mal probten, wenn wir viel Platz brauchten. Der Theatersaal hatte eine eigene Bühne bekommen, und es gab sogar einen abgeteilten Raum hinter der Bühne, der etliche alte Sofas beherbergte. Außer uns musste auch diversen Mäusefamilien aufgefallen sein, dass man sich hier wohlfühlen kann. Es kam sogar während der Vorstellungen vor, dass Mäuse über die Bühne huschten. Auf jeden Fall durften wir keine Kostüme in Bodennähe oder auf den Sofas lagern, besonders wenn sie schmackhaft waren. Dass das Ganze nur 4 Jahre dauern sollte, weil dann die Renovierung der Stadthalle begann, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Zurück zu Momo. Die Geschichte spielt in einer Welt, die sehr an das Heute in einer italienischen Kleinstadt erinnert. Hier ist die Gesellschaft der grauen Herren am Werk. Sie versuchen, alle Menschen dazu zu bringen, Zeit zu sparen. In Wahrheit werden die Menschen aber um ihre Zeit betrogen. Während sie versuchen, Zeit für später zu sparen, vergessen sie, im Jetzt zu leben; denn Zeit kann man nicht sparen wie Geld. Je mehr man versucht, Zeit zu sparen, desto „kürzer” werden die Tage und Wochen.

Als die Welt schon fast den grauen Herren gehört, beschließt der weise Meister Hora, der geheimnisvolle „Verwalter der Zeit”, zu handeln. Er hält die Zeit an, wodurch die ganze Welt zum Stillstand kommt, und schickt seine Schildkröte Kassiopeia mit dem hilfsbereiten Mädchen Momo, das eine Stundenblume für eine Stunde Zeit in die Hand bekommt, in den Kampf gegen die übermächtig erscheinenden grauen Herren.

1973 schuf Michael Ende diese wundervolle Geschichte als Buch, das auf die eine Art verzaubert, auf die andere Art aber auch Angst einflößt. Jedem, der das Buch noch nicht gelesen hat, kann ich es nur empfehlen, zumal es seit 2009 eine wunderbare illustrierte Neuauflage gibt. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass „Momo” ein Jahr nach Erscheinen den deutschen Jugendbuchpreis erhielt.

Berühmt wurde Randost Bokel als Momo in der Verfilmung von 1987, in der auch Mario Adorf und Armin Mueller-Stahl mitwirkten und für die Angelo Branduardi die Musik komponierte.

Wenn ihr wollt, nutzten wir also die Werbung für den Film aus, um unsere Momo bekanntzumachen, die von Gabriele Schreiber verkörpert wurde und die dies auf eine wunderbare Art tat, mit kindlicher Unbefangenheit,  unendlichem Vertrauen in die Menschen und Mut, Dinge für diese Menschen zu wagen, die eigentlich zu groß für sie sind.

Michael Ende hat mit Momo ein eindringliches Plädoyer für Freundschaft und soziales Engagement geschrieben. Er greift mit seinem Roman genauso unsere Geldbesessenheit und das Bankwesen an, wie er sich dafür ausspricht, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen und sich bewusst zu sein, dass die Zeit, die man mit Freunden und Familie verbringen könnte, verloren ist, wenn man sich nur um seine Karriere kümmert.

Es war ein Riesenaufgebot an Darstellern: Neben Gabriele Schreiber standen u. a. Michael Höhne als Meister Hora, Sabine Müller als Kassiopeia, Ralf Müller (nicht verwandt und verschwägert mit Sabine Müller) als Gigi Fremdenführer und Michael Karp-Armonier als Beppo Straßenkehrer auf der Bühne. Aber das sind noch nicht alle, denn da waren noch Herwig Marks Kinder Felix und Sarah, Monika Mertens und Helge Könnemann, Nicola Führ, Jens und Lars Bruckhoff, Siegfried Noll als Herr Fusi und, und, und… Entschuldigt bitte, wenn ich immer noch gefühlte 100 Darsteller vergessen habe; aber mir stand keine Besetzungsliste zur Verfügung. Ich habe versucht, auf den existierenden Fotos, den einen oder anderen zu erkennen.

Und wenn ich euch noch letzte Woche erzählt habe, dass bei uns relativ wenig geschminkt wurde, so traf das auf die grauen Herren absolut nicht zu, die außer einer geklebten Vollglatze auch noch total „eingegraut” wurden. Wie mir Paul Denstädt, einer der grauen Herren, erzählte, mussten die 5 Darsteller der grauen Herren dafür extra früher zur Vorstellung erscheinen. Da bei ihnen auch das Abschminken eher schwierig war, entschloss sich Paul eines Tage als „grauer Herr” nach Hause zu fahren. Beim Aussteigen aus dem Auto muss er von einer Nachbarin gesehen worden sein, was dazu führte, dass Pauls Frau prompt am nächsten Tage darauf angesprochen wurde, wie schlecht ihr Mann aussehe…

„Momo” ist für mich ein Evergreen-Stück. Eigentlich könnten wir es nach 24 Jahren wieder einmal spielen.

Am Samstag, dem 12. Juni 1942 schreibt ein 13jähriges Mädchen ihre ersten Sätze in ein Tagebuch, das sie als Geburtstagsgeschenk bekam: „Ich hoffe, dass ich dir alles anvertrauen kann, wie ich es bisher noch niemlas konnte, und ich hoffe, dass du mir eine große Stütze sein wirst. Ihr Name ist Anne Frank und ihre Tagebücher wurden 2009 in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommem. Frances Goodrich-Hackett, eine amerikanische Autorin, machte aus den Tagebüchern ein Theaterstück, das am Broadway zur Aufführung kam und später auch die Grundlage für den ersten, 1959 erschienen, Spielfilm bildete.

Herwig Mark bewies eine glückliche Hand, als er sich entschied, „Anne Frank” als erstes Jugendtheaterstück ins Programm des Kindertheaters zu nehmen. Es passte aber auch alles perfekt zusammen:

1) Er hatte mit dem Keller der Stadthalle den idealen Ort für dieses Stück gefunden. Es ging nicht auf Reisen, sondern das Bühnenbild war stationär für diesen Raum gestaltet. Auf diese Weise konnten wir uns im wahrsten Sinne des Wortes zusammen mit den dort wohnenden Mäusen fest einrichten.

2) Er hatte Laurentiu Tuturuga gefunden, der das Bühnenbild entwarf und mit Uwe Böhme umsetzte. Von Laurentiu werdet ihr in den nächsten Jahren noch viel hören.

3) Er hatte ein Ensemble, dass sich der Ernsthaftigkeit dieses Stücks voll bewusst war und das bereit war, mit ihm diese Geschichte zu erarbeiten – allen voran Claudia Eberbach, die in die Rolle der Anne Frank schlüpfte. Sie sah Anne Frank nicht nur sehr ähnlich, sondern schaffte es, dem jungen Mädchen mit all seiner Zerissenheit, seinem Übermut, den Selbstzweifeln, manchmal philosophischen Gedanken, ein Gesicht zu geben. Angelika Armonier und ich spielten ihre Eltern Edith und Otto Frank. Eva-Marie Höffer als Margot Frank war der ruhige Gegenpart zu ihrer temperamentvollen Schwester. Weiterhin gab es die Familie van Daan mit Monika Mertens und Michael Karp-Armonier mit ihrem Sohn Peter, der von Lars Bruckhoff gespielt wurde und der zusammen mit Claudia Eberbach wunderbare Szenen hatte. Das Ensemble vervollständigten Udo Dülme als Albert Dussel, weiterer Mitbewohner im Versteck der Franks und die beiden guten Geister Miep (Celine Schäfer) und Kraler (Helge Könnemann), die die Eingeschlossenen  versorgten.

Auf der einen Seite erinnere ich mich an unglaublich intensive Proben, in denen wir wirklich, verstärkt durch das Bühnenbild, Enge und Angst spürten. Alle Schauspieler waren als Bewohner des Hinterhausversteckes die gesamte Aufführung auf der Bühne präsent. Alle Räume waren „durchsichtig”, sodass wir, auch wenn wir keine Dialoge hatten, für den Zuschauer sichtbar waren.

Jeder von uns hatte natürlich nicht nur die Tagebücher gelesen, sondern auch über viele andere Quellen versucht, der jeweiligen Rolle so nah wie möglich zu kommen. Wir spielten ja keine Kunstfiguren, sondern wirkliche Menschen aus Fleisch und Blut, die gelebt hatten und die ein so trauriges Schicksal ertragen mussten. Ich war im Anne Frank Haus in Amsterdam, was mir einen zusätzlichen unvergesslichen Eindruck über die Enge des Verstecks gab, in dem die Bewohner über 2 Jahre lebten. Herwig Mark arrangierte auch ein Treffen mit einem Mitglied der jüdischen Gemeinde in Wuppertal (1987 gab es noch nicht die alte Synagoge), der uns etwas über das Judentum berichtete und uns auch half, z. B. das Chanukkafest, das wir auf der Bühne feiern mussten, in der richtigen Form zu gestalten. Das Chanukka-Lied in hebräischer Sprache singe ich auch heute noch von Zeit zu Zeit vor mich hin, fragt mich nicht, warum. Ich erinnere mich gerne an die „Anne-Frank-Zeit”.

Aber ihr müsst nun nicht denken, dass wir nur als Trauerklöße das Stück probten. Mal abgesehen davon, dass das Stück selbst, vor allem ausgelöst durch die temperamentvolle Anne, viele lustige Szenen hatte, entwickelte auch jeder für sich selbst für die Momente, in denen man nur da war, wenn auch nicht als Teil Handlung, Mechanismen, um glaubhaft die Zeit zu vertreiben.

Da ich oft die Hausaufgaben meiner beiden Töchter korrigierte (Otto Frank versuchte so gut wie möglich die Schule zu ersetzen), hatte ich mir angewöhnt, Schüttelreime auszudenken und in die Hefte zu schreiben. Auch Lars Bruckhoff beschäftigte sich auf diese Art. Einen dieser vielen Reime hatte er immer noch im Kopf und schrieb ihn mir vor ein paar Tagen per e-mail und ich will ihn euch nicht vorenthalten:

Am Ton, da sitzt der Friedemann,
das einz’ge, was der Friedmann kann.
Am Morgen isst er immer Möhren,
so kann er dann den Ton gut hören.

Nur zur Erklärung für euch: Mit Friedemann war Friedemann Klappert gemeint, der bei uns der „Chef des guten Tons” in der Technik war. Heute ist er Technischer Leiter der Volksoper Wien. Wo wir gerade in Wien sind: Auch Lars Bruckhoff hat es nach Wien verschlagen. Er ist jetzt Gewandmeister im Theater an der Wien.

Eine Anekdote muss ich euch noch erzählen. Ich nenne sie „Der Kampf ums Endstück”. Das Chanukkafest, das im November/Dezember als ausgelassenes Fest gefeiert wird und bei dem es auch Geschenke gibt, war Teil der Spielhandlung.  Wir tranken richtigen Tee und verspeisten einen Schokoladenkuchen, der auf der Bühne angeschnitten wurde. Beim entsprechenden Stichwort, nahm sich jeder ein Stück von diesem Kuchen, der eigentlich sehr trocken war, aber zwei wunderbare, mit Schokolade überzogene Endstücke besaß. Ich weiß nicht mehr, wann es begonnen hatte; aber es ergab sich, dass jeder darauf erpicht war, eins dieser beiden Endstücke zu bekommen. Es entwickelte sich ein reglrechter Kampf, um möglichst vor dem entscheidenden Satz in die richtige Ausgangspostion zu kommen, um sich so ein Endstück zu ergattern. Alles geschah, wohlgemerkt, ohne dass der Zuschauer etwas bemerken konnte.

Herwig und das Ensemble bekamen großes Lob für die Inszenierung, was natürlich Mut machte, um von nun an regelmäßig Jugendtheaterstücke zu inszenieren.

Das Weihnachtsmärchen in diesem Jahr war „Hänsel und Gretel”, für mich das Märchen aller Märchen. Als Sprechtheaterstück wird es nur noch selten gespielt, eher in der Opernfassung von Engelbert Humperdinck. Ich glaube, mit der Inhaltsangabe muss ich euch nicht langweilen. Wer kennt nicht „Hänsel und Gretel”, die bei uns von Friedemann Klappert und Nadine Kettler gespielt wurden. Wenn ich mich richtig erinnere, war es Friedemanns einziger Ausflug in die darstellende Kunst. Er verschrieb sich später mit Haut und Haar unserer Theatertechnik (am Ton da sitzt der Friedemann…). Die Hexe spielte Celine Schäfer, an deren Kostüm, wie auch an allen anderen, sich Lars Bruckhoff austoben durfte.

Ich habe euch ja schon einmal von dankbaren und undankbaren Rollen erzählt. Die Hexe in Hänsel und Gretel gehört sicherlich zur zweiten Kategorie. Aber zur Freude der Kinder verschwand sie ja zum Schluss im Ofen. So geht’s zu im deutschen Märchenwald. Nur wenige Kinder werden ihr am Schluss die Hand gegeben haben.

Ach, habe ich euch eigentlich schon über unser Ritual der Zuschauerverabschiedung erzählt? Nein? Sowohl bei Paul Winterling als auch bei Herwig Mark war es ein absolutes Muss, sich persönlich von allen Zuschauern zu verabschieden, wobei Muss das falsche Wort ist. Wir machen das gerne, weil es eine gute Art ist, aus der Rolle wieder in die raue Wirklichkeit zu kommen. Immer nah dem Ausgang aufgereiht, konnten wir unmittelbar nach einer Aufführung auch schnell ausmachen, wem die Sympathien der Kinder galten und wem eher nicht. Dieses Verabschieden ist bis heute Teil jeder unserer Aufführungen.

Ich glaube, ich könnte ein eigenes Kapitel schreiben über die Art, wie Kinder, aber auch Erwachsene uns dabei begegnen. Keine Angst, ich lass' das jetzt bleiben, und verabschiede mich ganz brav mit Handschlag von euch.

Danke, dass ihr mir zugehört habt.

Bis nächste Woche
Euer Uwe