40 Jahre - 1988

Kapitel 18 (1988)

von Uwe Weinreich

Ich hatte euch ja schon vor zwei Wochen verkündet, dass die Janosch-Jahre Einzug ins Kinder- theater halten würden. Upps, jetzt hab’ ich einen Fehler gemacht. Wir heißen gar nicht mehr Wuppertaler Kindertheater, sondern Wuppertaler Kinder- und Jugendtheater. Nach dem überaus ermutigenden Start mit „Anne Frank” entschloss man sich, auch zukünftig Stücke für Jugendliche anzubieten, und das musste sich natürlich auch im Namen ausdrücken. „Anne Frank” lief so gut, dass wir es 1988 weiter im Programm hatten.

Im Frühjahr 1988 sollte „Post für den Tiger” der Nachfolger von „Oh, wie schön ist Panama” werden, absolut folgerichtig, da es auch in der Janosch-Chronologie das zweite Abenteuer vom kleinen Bär und kleinen Tiger ist. Ich muss nicht erzählen, wer wieder ins Bär- und Tigerkostüm glitt: genau – Udo Dülme und ich. Mit von der Partie waren da noch Michael Höhne als Hase mit den schnellen Schuhen und Marion Hepperle, die gleich in zwei Vogelrollen schlüpfte. Sie war die Tante Gans und der Albatros. Holger Schlafhorst, der schon in Panama zu sehen war, spielte diesmal Elefant und Fuchs. Ja, und dann war da noch die Rolle des blinden Maulwurfs, die Tobias Uhl spielte. Unser Sohn Ole Weinreich, damals gerade 5 Jahre alt, und ständiger Begleiter bei Proben und Aufführungen, bekam die Rolle des zweiten blinden Maulwurfs (von Janosch so nicht vorgesehen). Tobias Uhl und er traten immer gemeinsam und blind auf. Ihr könnt euch vorstellen, dass es allein schon deshalb für mich ein noch größerer Spaß war, in diesem Stück zu spielen. Lars Bruckhoff, Kostümbildner und Schneider, hatte Ole ein baugleiches Maulwurfskostüm angefertigt. Es war ein herrliches Bild, die beiden Maulwürfe auf der Bühne als Leiter der Telefonzentrale zu erleben.

Ich muss nicht erwähnen, dass Matthias Burkert uns immer noch Stück für Stück musikalisch auf Qualitätskurs hielt. Beim Bühnenbild hatte es einen sanften, aber sehr entscheidenden Wechsel gegeben. Uwe Böhme, von Beginn an für Entwurf und Bau verantwortlich, hatte sich schon im letzten Jahr langsam aus dieser doppelten arbeitsaufwändigen Arbeit zurückgezogen. Von nun war Laurentiu Tuturuga für das Bühnenbild verantwortlich. Der Bau geschah nach wie vor in den Räumen unserer Werkstatt in der Buschstraße unter der Leitung von Michael Nelskamp, der auch für lange Jahre unser technischer Leiter werden sollte.

Als der kleine Bär zum Fischen geht, bemerkt der kleine Tiger, der zu Hause geblieben ist, dass er allein ist und sich sehr einsam fühlt. Er hat deswegen auch keine Lust, Kartoffeln zu schälen, zu fegen oder die Blumen zu gießen. Um dies zu ändern, soll der kleine Bär ihm vom Fluss aus einen Brief schreiben. Da der Bär den Brief zwar schreibt, aber doch abends erst nach Hause mitbringt, muss der Tiger wieder einen einsamen Tag erleben. Deswegen beschließen der Tiger und der Bär, den Brief beim nächsten Mal durch einen Boten zu schicken.
Dies ist zunächst gar nicht einfach, weil niemand Zeit hat, den Postboten zu spielen. Die Maus ist zu klein, der Fisch hört vielleicht nicht gut, Fuchs und Gans sind wegen einer Beerdigung zu beschäftigt und der Elefant schläft. Endlich kommt ein Hase vorbei, der diese Aufgabe gern übernimmt. Er bringt dem Tiger den Brief und der hat nun wieder Lust, Kartoffeln zu kochen und zu fegen, weil er sich plötzlich gar nicht mehr einsam fühlt.
Am nächsten Tag machen der Tiger und der Bär es umgekehrt: der Tiger sammelt im Wald Pilze und schickt dem Bär einen Brief nach Hause. Bald wollen aber alle Tiere im Wald an ihre Freunde Briefe schreiben, so dass schließlich das Postsystem entsteht.
Nach einiger Zeit bemerkt der Tiger allerdings, dass Briefe schreiben und bekommen nicht mehr ausreicht und deswegen erfinden der Tiger und der Bär auch noch das Telefon, indem sie mit Hilfe der Maulwürfe Schläuche durch den Wald legen lassen. Der kleine Tiger und der kleine Bär sind sehr zufrieden und freuen sich über ihre Erfindungen und über das Leben, das „ganz unheimlich und schön” ist.

Die Kritik bescheinigte eine intensive Arbeit des Regisseurs mit den Darstellern, die die Lebensgewohnheiten und Eigenarten der Tiere geschickt zum Ausdruck bringen. Dies kam nicht von ungefähr, hatte doch Herwig Mark einen Zoobesuch empfohlen, um gerade die Bewegungsabläufe der Tiere zu studieren.

Wie schon „Panama” wurde auch Post für den Tiger ein Renner, und wir wussten am Ende, dass wir unsere Kostüme noch nicht an den Nagel hängen durften. Einzig mein Tigerkostüm zeigte leichte Zerfallserscheinungen. Zu gerne traten mir Kinder auf den Schwanz, was dazu führte, dass die Naht zur Dauerbaustelle wurde.

Unser nächstes Stück wurde „Oliver Twist” von Charles Dickens. Als Gesellschaftsroman 1839 geschrieben, ist es wohl das bekannteste Werk von Dickens. Erzählt wird die Geschichte des Findelkindes und Waisenjungen Oliver Twist, der im Armenhaus einer englischen Kleinstadt aufwächst, ohne etwas über seine Herkunft zu wissen. Die Gemeinde gibt ihn in die Hände des Sarg-Tischlers Mr. Sowerberry, der einer ehrlichen Arbeit nachgeht und den Jungen allmählich auf seine Art liebgewinnt. Der Nebenlehrling Noah Claypole beleidigt Olivers Mutter; Oliver prügelt sich mit ihm und wird mit Schlägen bestraft, er flieht anschließend nach London. Dort gerät er in die Fänge des Hehlers Fagin (Boss der Diebe), der ihn vor dem sicheren Tod auf der Straße bewahrt, indem er ihn verköstigt und gleichzeitig mit dem Diebeshandwerk vertraut machen möchte. Fagins Schützlinge bilden eine Diebesbande, deren Anführer er ist und die hauptsächlich aus Straßenjungen besteht.

Der äußerst brutale Eigenbrötler Bill Sikes und die ihm nahestehende Diebesgesellin Nancy, die auf eine eigenartige Weise mit Sikes verbunden ist, treten ebenfalls zu dieser Zeit in Olivers Leben. In solcher Gesellschaft lebend und lernend wird Oliver eines Tages auf eine Diebestour mitgenommen, die fatale Folgen für ihn hat. Nachdem das Opfer Mr. Brownlow bemerkt, dass er bestohlen wurde, wird Oliver fälschlicherweise für den Dieb gehalten.

Der zu dieser Zeit kranke Oliver wird schließlich durch einen Zeugen entlastet, ganz zum Wohlgefallen des mitleidigen Mr. Brownlow, der den kleinen Pechvogel unter seine Fittiche nimmt und gesundpflegen lässt.

Oliver erlebt dankbar das erste Mal in seinem Leben die Güte und Liebe einer mütterlichen Sorge durch Mr. Brownlows Haushälterin Mrs. Bedwin, die sich aufopfernd um ihn kümmert. Die gute Zeit ist jedoch nur von kurzer Dauer und endet, als Mr. Brownlow Oliver auf eine Besorgung losschickt, die er so schnell wie möglich erledigen soll. Doch Nancy und Sikes fangen den Jungen ab. Sie entführen ihn und zwingen ihn, zu Fagin und seiner Diebesbande zurückzukehren. Mr. Brownlow bleibt gekränkt im Glauben zurück, Oliver hätte sich mit dem mitgegebenen Geld für die Besorgungen aus dem Staub gemacht.

Dickens beschreibt auf sehr anschauliche Art und Weise das Leben eines Waisenkindes in den Straßen Londons. Allerdings präsentiert er in seiner Geschichte ein Happy-End. Oliver wird von Mr. Brownlow und seiner Haushälterin Mrs. Bedwin adoptiert und lebt dort weiter.

Die Hauptrolle in diesem Stück übertrug Herwig Mark einem Mädchen, Meike Halbach, der ein lebendiges und facettenreiches Spiel attestiert wird, von ausgelassener Fröhlichkeit bis zu großer Verzweifelung. Die Kritik spricht von "glänzenden schauspielerischen Leistungen. Es entstehen Szenabläufe, die wie Bilder haften bleiben, z. B. die Szene in der Diebeshöhle Fagins, die nicht nur durch das zum Dämonischen übersteigerte Spiel des ewig herumkrosenden und zeternden Hehlers (Lars Bruckhoff) überzeugte, sondern durch das Spiel der ganz jungen Darsteller (Miriam Weinbrenner, Sarah Mark, Jens Dülme, Cyros Rhabar und Felix Mark), die mit gekonnten Zaubertricks die Szene belebten".

Den Abschluss des Jahres bildete 1988 ein Märchen aus dem russischen Sprachraum, „Die verzauberten Brüder” von Jewgeni Lwowitsch Schwarz. Der russische Dramatiker Schwarz hat ca. 30 Märchenstücke geschrieben und benutzte deren Symbole, Motive und Figuren, um die politischen und ideologischen Verhältnisse seiner Zeit anzuprangern (er starb 1958).

Die Hexe Baba Jaga hat viele schlechte Eigenschaften. Sie ist geizig, selbstverliebt, faul und eifersüchtig. Und sie lebt im berühmten russischen Hexenhaus, das auf Hühnerfüßen umherstolziert. Baba Jaga hat die Brüder Fjodor und Igor in Bäume verwandelt. Ihre Mutter, die kluge und zupackende Wassilissa, macht sich auf die Suche nach ihnen. Um ihre Söhne zu retten, lässt sie sich auf einen Handel mit der Hexe ein: Sie wird hart für Baba Jaga arbeiten, und sollte sie von der Hexe auch nur einmal für ihre Arbeit gelobt werden, sollen die verzauberten Brüder frei sein. Nun gilt es, das Haus aufzuräumen, einen Schatz zu finden und Unmengen von Roggen- und Weizenkörnern zu trennen und zu Mehl zu verarbeiten. Ein schwieriges Unterfangen. Doch zum Glück trifft Wassilissa auf die von Baba Jaga gepeinigten Tiere Bär, Kater und Hund. Um Wassilissa zu helfen, müssen die drei allerdings so manche schwere Aufgabe bewältigen und ihre besonderen Talente einsetzen. Und dann taucht auch noch Wassilissas jüngster Sohn, Iwanuschka auf. Gemeinsam gelingt ihnen das schier Unmögliche.

Mit diesem Stück wurden wir in eine ganz neue Form der Märchenwelt entführt, die uns, geprägt durch die Gebrüder Grimm, eher fremd ist.  Nicht allein, dass wir es mit Namen wie Baba-Jaga, Wassilissa, Mischa, Sharik und Kotofei Ivanovic zu tun haben, die ganze Form des Märchens ist ungeheuer poetisch und voller Phantasie. Da sprechen die Tiere, hexen die Hexen, haben Häuser Hühnerbeine und spielen Bäume Musik.

Ein großes Lob zollte die Kritik der gesamten Inszenierung mit Celine Schäfer und Nicola Führ in den weiblichen Hauptrollen als Mutter und Hexe, Boris Pietsch und Tilmann Rudorf in den Titelrollen als verzauberte Brüder, den Tieren Bär, Hund und Kater (Michael Karp, Ralf Müller und Lars Bruckhoff) und nicht zuletzt dem jüngsten Sohn Lars Emrich und Hühnerhans Tobias Uhl. Wieviel Spaß muss es Laurentiu Tuturuga und Michael Nelskamp gemacht haben, diesen russischen Märchenwald zum Leben zu erwecken. Leider haben wir von dieser wunderbaren Inszenierung keine Fotos. Wir bleiben aber auf der Suche und liefern sie nach, wenn wir fündig geworden sind.

Man merkte jetzt an allen Stellen, dass es, angefangen mit der Übernahme durch Herwig Mark, einen langsamen Umbruch gab im Kinder- und Jugendtheater. Rückblickend würde ich sagen, dass wir einen Wechsel vollzogen vom reinen Regietheater zum Ensembletheater. Herwig Mark stellte sich nicht in den Mittelpunkt, sondern forderte das gesamte Ensemble heraus, Höchstleistungen zu erbringen. Wir spürten, dass uns das gut tat und dass dies auch vom Zuschauer und von der Kritik reflektiert wurde. Die Inszenierungen wurden intensiver, poetischer, tiefdringender, vor allem bei uns Schauspielern.

Alte Zöpfe wurden abgeschnitten, z. B. verabschiedeten wir uns von unserem grünen Kindertheaterplakat. Schon das Plakat für Anne Frank, das ich gestalten durfte, ging einen neuen Weg. Für Post für den Tiger kreierte Laurentiu ein Wimmelbild der aberwitzigsten Figuren. Auch die Bühnenbilder wurden leichter – und das meine ich nicht nur gewichtsmäßig. Stoffe und Tücher spielten eine immer größere Rolle, Dia-Projektionen hielten Einzug. Gegenstände wurden abstrakter.

Es war eine spannende und aufregende Zeit.

Bis nächste Woche
Euer Uwe