40 Jahre - 1989

Kapitel 19 (1989)

von Uwe Weinreich

Nein, keine Angst, dieses Jahr wird absolut janoschfrei. Das Frühjahr begann mit „Jule, was ist los?“, einem Stück aus der Feder von Jörg Friedrich, das für das Grips Theater in Berlin geschrieben wurde.

Das Stück handelt von der Eifersucht der fünfjährigen Jule auf Fritzchen, dem Baby der Familie. Für den Hobby-Filmer Vater Liebchen dreht sich am Sonntagmorgen alles um Babys Wutgebrüll, das er auf Zelluloid bannen will, während Mutter Liebchen das Geschrei mittels Fläschchen zu stoppen versucht. Der alte Hund Onkel Bruno wird einfach vergessen. So ist einer auf den anderen eifersüchtig, und Jule sinnt auf Rache. Das Stück betreibt mit Grips und Gags Aufklärung, es wirbt mit Slapstickpointen um Verständnis, daß Kinder mit Erwachsenen Probleme haben, wie Erwachsene mit Kindern, ein typisches Grips Stück.

Obwohl ich nicht mitspielte, habe ich eine ganz persönliche Beziehung zu diesem Stück. Vorausschicken muss ich, dass in der Zeit der frühen Proben Michael Höhne und ich auf einer samstäglichen Veranstaltung der Bergischen Musikschule in der Gesamtschule Ronsdorf einen Auftritt als Clowns hatten. Man hatte uns engagiert während eines Tages der offenen Tür die Besucher, als „Wegweiser“ zu den einzelnen Veranstaltungen zu führen. Über das ganze Gebäude verteilt, fanden in den verschiedenen Räumen der Schule diverse Programme statt, die das Leistungsspektrum der Bergischen Musikschule demonstrierten. Ich erinnere mich an einen sehr lebhaften Tag mit viel Publikum. Wie sich später herausstellte, wurde ich auch von einem Laborleiter meines Arbeitgebers gesehen, der dort mit seiner Familie die Veranstaltung besuchte.

„Hinten herum“ erfuhr ich später, dass mein Auftritt dort meinem damaligen Chef berichtet wurde, mit dem Hinweis, dass es sich doch wohl für einen Mitarbeiter in meiner Position nicht ziemt, einer derartigen Freizeitbeschäftigung nachzugehen. Zum Glück war mein Chef sehr liberal, legte mir aber trotzdem nahe, zwar nicht grundsätzlich auf das Theaterspielen zu verzichten, aber doch darauf zu achten, in seriöseren Rollen aufzutreten.

Und jetzt bin ich wieder bei „Jule, was ist los?“. Ich hatte mich nämlich um eine Rolle bemüht (Baby oder Hund), die mich beide sehr reizten und hatte auch bereits das OK von Herwig Mark. Nach jenem Ereignis sagte ich jedoch ab. Michael Höhne spielte den Hund Bruno und seine spätere Frau Sabine Müller das Baby.

Wie ihr sicherlich verstehen könnt, hat mich dieses Ereignis noch lange Zeit beschäftigt. Später wurden dann aber auch an meinem Arbeitsplatz die Ansichten etwas liberaler, und ich fand einen Weg, Beruf und Freizeit (inclusive Clowns) zu verknüpfen.

„Jule, was ist los?“ fand nicht in allen Fällen den ungeteilten Zuspruch der Presse. Während die WZ über begeisterte Zuschauer schrieb und die lebensnahe Darstellung lobte, glich die Kritik der Westphälischen Rundschau eher einem Verriss. Sie ging sogar soweit, das Stück als misslungen zu bezeichnen.

Wenn, ihr genau hinschaut, werdet ihr auf den Jule-Bildern, die alle von den Proben stammen, und auch im nachfolgenden Stück „Andorra“ Ester Königes erkennen.

Was, ihr kennt Esther nicht?

Esther kam 1987 zu uns und begann in der Technik. Bei „Anne Frank“ war sie u.a. für die Requisiten verantwortlich und hetzte Celine Schäfer vor ihrem Auftritt im Bühnenrückraum immer um den Tisch, damit diese außer Atem auf der Bühne erscheinen konnte um zu sagen:"Sie sind gelandet. Sie sind in der Normandie gelandet."

Wie schon in den 70ern hatte sich auch jetzt eine neue junge Theater-Clique um Celine Schäfer, Andre’ Zoch, Friedemann Klappert, Gabi Schreiber, den Larsens (Bruckhoff und Emrich) und einigen anderen gebildet, der auch Esther angehörte. Auch wenn sie sich mehr im Hintergrund bewegte, auf der Bühne nie „Rampensau“ war und auch nie sein wollte, so war sie ein ungeheuer wichtiges Ensemblemitglied. Nach ihrer „aktiven“ Zeit blieb sie unserem Theater weiterhin treu verbunden, war lange Jahre Mitglied des Vorstands in unserem jetzigen Trägerverein und arbeitet seit vielen Jahren im Dialog Marketing. Unsere tolle Webseite ist auch mit ihrer Hilfe entstanden.

Danke, Esther.

Wie ihr ja mitbekommen habt, waren unsere ersten Schritte im Jugendtheater sehr erfolgreich. Das sollte sich auch 1989 nahtlos fortsetzen. Herwig Mark hatte sich entschieden „Andorra“ von Max Frisch zu spielen. Wie schon „Anne Frank“, war Andorra geradezu gemacht für unseren Theatersaal in der Elberfelder Stadthalle. Laurentiu Tuturuga entwarf ein tolles Bühnenbild, dessen Entwurf sich auch auf dem Plakat wiederfand.

Can ist Lehrer in dem fiktiven Staat Andorra. Nachdem er mit einer Frau aus dem faschistischen Nachbarstaat der "Schwarzen" ein uneheliches Kind gezeugt hat, befürchtet er, von seinen Mitbürgern verachtet zu werden. Deshalb gibt er vor, es handele sich um ein Judenkind, das er vor den Antisemiten in Schutz genommen habe. Andri wächst in Andorra heran, und Can bringt ihn schließlich zu einem Tischler in die Lehre. Als der Lehrherr in der Werkstatt einen Stuhl überprüft und dieser gleich aus dem Leim geht, schimpft er auf Andri, obwohl nicht der Lehrling, sondern der Geselle den Stuhl angefertigt hat. Auch als Andri darauf hinweist, dass der Meister auf einem von ihm gemachten Stuhl sitzt, beharrt dieser auf seiner Überzeugung, Andri tauge nicht zum Tischler.

Die Menschen finden ihre Klischees über Juden bestätigt, und der Junge Andri übernimmt schließlich das Bild, das sie sich von ihm machen. Dass Can ihm verbietet, seine Tochter Barblin zu heiraten, kann sich Andri auch nur dadurch erklären, dass er sich für einen Juden hält, denn er ahnt nicht, dass Barblin seine Halbschwester ist. Seine leibliche Mutter wird bei einem Besuch in Andorra durch einen Steinwurf getötet. Niemand anderes als Andri könne der Mörder sein, glauben die Andorraner. Als der Pfarrer Andri verrät, wer er wirklich ist, kann dieser sich inzwischen nicht mehr vorstellen, ein Andorraner zu sein und beharrt auf der falschen Identität. Die "Schwarzen", die wegen des Mordes einmarschiert sind, suchen nach Juden unter den Andorranern ("Judenschau") und identifizieren Andri als solchen. Da hilft es nichts mehr, dass Barblin schwört, Andri sei kein Jude, sondern ihr Bruder. Sie wird als "Judenhure" verhöhnt. Man führt Andri ab und tötet ihn. Der Lehrer erhängt sich in der Schule. Barblin wird verrückt.

Ich durfte den Lehrer Can spielen und erinnere mich, wie schon bei „Anne Frank“ an ausgesprochen intensive Proben. Lars Emrich spielte Andri, und Gabriele Schreiber war Barblin.

Noch heute durchzuckt es mich, wenn ich an die Szene denke, in der ich mich von meinem Sohn verabschiede, bevor er standrechtlich erschossen wird. Noch heute habe ich Gabi Schreibers Stimme im Ohr, wenn sie die letzten Worte des Stückes spricht: „Ich weissele, ich weissele.“

Am 9. September war die Premiere und die Kritik war, wie schon bei Anne Frank, mehr als positiv, ja geradezu enthusiastisch. Sabina Bartholomä schreibt, dass Herwig Mark es schafft Geschichte aufzuarbeiten, betroffen zu machen, ohne erhobenen Zeigefinger und ohne das meist jugendliche Publikum zu überfordern. Krönung unserer Theaterarbeit mit Andorra wurden Einladungen in Wuppertals Partnerstädte Berlin-Schöneberg und Schwerin im Frühjahr des Folgejahrs. Über unsere Erlebnisse und Begegnungen dort, erzähle ich euch nächste Woche.

Den Jahresabschluss bildete das Stück „Ein Weihnachtslied“ von Charles Dickens. Beim ersten Hinsehen nichts Ungewöhnliches. Das Weihnachtslied ist ein vielgespieltes Stück auf den Theaterbühnen. Herwig Mark hatte sich aber ausgedacht, dass er dieses Stück in zwei verschiedenen Fassungen zur Aufführung bringen wollte, zum einen in der uns bekannten „Normalfassung“ für Kinder ab 8 Jahre, zum anderen, angelegt für die kleinen Kinder in einer „Tierfassung“. Und so hiess dieses Stück denn auch „Ein Weihnachtslied für Kinder, Hunde und andere Menschen“. Wie sich allerdings später herausstellte war die altersmässige Trennung nur sehr schwer durchzuführen, bzw. Eltern hielten sich nicht an unsere Empfehlungen, sodass sehr wohl Kleine die „große Fassung“ sahen und Grosse auch in der „kleinen Fassung“ zu finden waren. Wir haben dieses Experiment nie wiederholt.

1843 wurde das Stück „The Christmas Carol“ veröffentlicht. Und wie ein Lied hat es 5 Strophen: Marleys Geist, erster Geist, zweiter Geist, letzter Geist und Marleys Ende. Im Laufe der Jahre wurde das Stück in vielen Versionen veröffentlicht (England kannte kein Urheberrecht). Wikipedia kennt 21 Verfilmungen, die erste schon 1901 und die letzte 2009.

Es gibt wohl kein Jahr, an dem nicht auf irgendeiner Bühne der Welt das Stück über Ebenezer Scrooge zur Aufführung kommt. Jener Scrooge stand auch Pate für die von Carl Barks entwickelte Figur des Dagobert Duck, die gerade deshalb im Original Scrooge McDuck heißt.

In unserer Version für die Kinder ab 4 Jahre sind die handelnden Charaktere Hunde, Scrooge ein Windhund und gewissenloser Räuber, gespielt von Udo Dülme. Die anderen Hunde sind u.a. Lars Bruckhoff und Tobias Uhl. In dieser Version tritt auch nur ein Geist auf. Dass dieser in der Stadthalle von einigen Kindern für das Christkind gehalten wurde, tat der witzigen Aufführung keinen Abbruch.

Vorteil bei diesem geteilten Weihnachtsstück war natürlich, dass die Darsteller nicht so sehr dem üblichen Weihnachtsstress unterlagen. In manchem Jahr spielen wir über 40 Aufführungen in einem relativ kurzen Zeitraum. Da kann man verstehen, dass der eine oder andere Darsteller lieber nicht im Weihnachtsstück engagiert ist.  Das ganze galt allerdings nicht für Udo Dülme (wen sonst?), der in der „Normalfassung“ auch noch den toten Jacob Marley, bzw. seinen Geist, spielte.

Eine Begebenheit ist noch erwähnenswert zumal sie hier in Wuppertal-Cronenberg geschah. Wissen muss man dazu, dass der Zulauf in Cronenberg nie besonders gross war, was dann auch später dazu führte, dass wir hier nicht mehr spielten. Weihnachten 89 gab es aber einen Termin in der Aula der Hauptschule. 15 Minuten vor der Aufführung waren es immer noch nicht mehr als 18 Zuschauer (in Worten: Achtzehn). Da wir irgendwann einmal festgelegt hatten, dass bei weniger als 30 Zuschauern nicht gespielt wird, hätte jetzt eigentlich die Vorstellung abgesagt werden müssen. Ich weiß nicht mehr, ob es Kinderaugen waren oder der Drang der bereits im Kostüm befindlichen Darsteller endlich auf die Bühne zu kommen. Man beschloss die Vorstellung nicht abzusagen. Um aber einer Diskussion mit der Verwaltung unseres Theaters aus dem Weg zu gehen, kaufte das Ensemble kurzentschlossen Karten für die Vorstellung und versuchte möglichst viele Freunde und Bekannte zu erreichen, die in der Nähe wohnten und zu überreden, in die Vorstellung zu kommen. Meine Familie und ich gehörten auch dazu. Und so saß also das halbe Kindertheater in einer wunderbaren Aufführung. Die Darsteller selbst wählten auch bei Auf- und Abgängen den kurzen Weg nach vorne über die Bühne, um so als Zuschauer auch in den Genuss von Teilen des Stücks zu kommen.

Man kann wahrlich sagen: Es war eine einmalige Vorstellung.

Bis nächste Woche
Euer Uwe