40 Jahre - 1990

Kapitel 20 (1990)

Plötzlich war Annika da und sollte uns die nächsten 4 Jahre begleiten und uns…; aber nein, der Reihe nach:

Wir haben Frühjahr, die Berliner Mauer ist gefallen und wir beginnen das Jahr mit… na, könnt ihr es erraten? Ok, es ist einfach, ich weiss. Wir spielten Janosch zum Dritten. Nach „Oh wie schön ist Panama“ und „Post für den Tiger“ jetzt der dritte Band „Komm, wir finden einen Schatz“ wieder in der Bearbeitung von Marianne Terplan.

Als der kleine Bär einmal beim Fischen nichts gefangen hat und es deswegen keinen Fisch zum Essen gibt, überlegen der kleine Tiger und der kleine Bär, was wohl das größte Glück der Erde sein könnte. Schnell ist die Antwort gefunden: Reichtum, denn dann könnten sie sich immer Forellen kaufen und als Nachtisch Bienenstichkuchen essen. Außerdem bemerken sie, dass sie noch viele andere Dinge brauchen: ein Schlauchboot, eine Hollywood-Schaukel, eine Mütze mit Schnalle, Lackturnschuhe ... Der Tiger hat die rettende Idee:“Komm, wir finden einen Schatz.“

Deswegen kaufen sie gleich am nächsten Tag ein Seil, eine Schaufel und zwei Eimer und machen sich auf die Schatzsuche. Sie graben auf dem Feld, sie graben im Wald, sie suchen im Fluss und sie fragen den Maulwurf, den Löwen, das verrückte Huhn und auch noch den Reise-Esel Mallorca. Eines Nachts schlafen sie unter einem großen Baum und stellen morgens fest, dass der Baum goldene Äpfel trägt. Endlich sind sie reich! Sie verlieren ihren Reichtum aber bald wieder an einen Beamten des Königs und an den Räuber Hablitzl. Traurig kehren sie nach Hause zurück, wo sie feststellen, dass sie eigentlich längst alles haben, was man zum Glücklichsein braucht und wie schön das Leben doch ist, wenn es Blumenkohl und Kartoffeln gibt und der Maulwurf zu Besuch kommt.

Ähnlich wie „Panama“ handelt es sich um ein Stationenstück, Bär und Tiger wurden wieder durch Udo Dülme und mich verkörpert, die anderen Rollen spielten Michael Karp und Michael Höhne und ……………………

...dann war da noch Fabian Dülme, Udos Sohn. Nachdem wir ja schon mit Erfolg meinen Sohn Ole als Maulwurf Bühnenluft schnuppern liessen, durfte jetzt Fabian als Günter Kastenfrosch einen Auftritt haben und zwar in einer Szene, die mir noch in bester Erinnerung ist, da Tiger und Bär sich niemals näher waren, echt wahr. Zu diesem Zeitpunkt standen wir beide auf der Bühne schon voll im Schweiss und mussten uns jetzt schlafen legen. Udo als Bär lag unten und ich oben auf ihm drauf. Ich erinnere mich an sehr viel Feuchtigkeit auf der ich langsam in den Schlaf glitt. Aber noch nicht genug, denn jetzt kam Günter Kastenfrosch über die Bühne gehüpft und legte sich oben drauf auf dieses feuchtwarm dampfende gelb-schwarz-braune Wollknäuel. Ich sage euch, so etwas verbindet.

Das Sommerloch überbrückten wir wieder einmal mit neu einstudierten Clownerien. Wie schon beim ersten Mal 1975 hatten wir für diverse Auftritte auf Sommerfesten etc. mehrere klassische Clownsnummern einstudiert. Mit mir von der Partie waren noch Michael Höhne und Lars Bruckhoff, der sich ein fantastisches mit Pailletten besetztes Kostüm als Weissclown geschneidert hatte. Allein dieser Aufzug war es wert, uns einzuladen. Ich hoffe, Lars besitzt es noch.

Wir sind jetzt im September und stehen in einem Bühnenbild, das einem Abbruchhaus gleicht. Auf der Bühne sehen wir Strip, die Punkerin, Perle, die Nutte, Dora, die Pennerin, Ralf, den Aidser, Gerd, den Jungen und Celestino den musizierenden Penner. Wir sind mittendrin in unserem Stück „Aidsfieber“ aus der Feder von Wolfgang Hänel, einer Mischung aus Dokumentation und Aufklärung zum Thema Aids und Spielhandlung. Wir befinden uns in einer Zeit, wo es noch keine roten Schleifen an den Revers von Normalbürgern gibt. Die Medien tun ihr übriges und heizen das Schreckgespenst Aids mächtig an. Herwig Mark fand zu recht, dass es die richtige Zeit war dieses Stück auch im aufklärerischen Sinne auf die Bühne zu bringen.

Silke Schober, Rita Reineke, Gabriele Schreiber, Christof Küster, Reiner Kreusch und Lars Bruckhoff meisterten den Balanceakt zwischen Unterhaltung und Botschaft mit Bravour. Was wir erreichen wollten, hatten wir erreicht: Wir hatten für viel Gesprächsstoff gesorgt, soviel, dass sogar dass Fernsehen auf uns aufmerksam wurde. Enno Hungerland drehte für den WDR einen Film über Aidsfieber.

Letzte Woche hatte ich euch ja schon erzählt, dass wir 1990 mit dem Wuppertaler Kinder- und Jugendtheater auch ausserhalb unserer normalen Grenzen tätig werden sollten. Wir bereisten die Wuppertaler Partnerstädte Berlin Schöneberg mit unser Vorjahrsproduktion „Andorra“ und Schwerin mit „Aidsfieber“ und „Komm, wir finden einen Schatz“.

In beiden Fällen war es ein aufregendes Erlebnis. Andorra in Berlin spielten wir im Kulturzentrum „Weisse Rose“, das sich ganz in der Nähe des berühmten „roten“ Rathauses von Schöneberg befand, in dem wir auch empfangen wurden. Neben den Aufführungen war natürlich auch Zeit für einen Stadtbummel. Mir besonders in Erinnerung haften geblieben ist der Moment, an dem ich die Berliner Mauer erklimmen konnte und auf ihr entlangspazierte. Sie war jetzt Geschichte. Überall Flohmarktstände mit DDR Devotionalien und Mauerbruchstücken. Das Hämmern der Mauerpicker war allgegenwärtig rund um den Reichstag. Es herrschte eine ungeheure Spannung in der Stadt und wir mittendrin, untergebracht in einer wunderbaren alten Frühstückspension und mit „Andorra“ im Gepäck.

Ich kannte Berlin von frühester Kindheit nur als geteilte Stadt und jetzt dieser Wandel. Frank Scurla von der WZ war mit uns gefahren und berichtete für die Wuppertaler Zeitung von unser Begegnung mit Berlin. Leider hat sich dieser Besuch nie wiederholt.

Ganz anders die Fahrt nach Schwerin. Untergebracht in einem Haus, einer Jugendherberge gleich, aber noch unter dem Kommando einer Leiterin, die es noch nicht geschafft hatte, ihren Umgangston den neuen Verhältnissen anzupassen. „Duschen nach 18:00 Uhr ist verboten. Da brauchen wir das warme Wasser in der Küche“. Das war noch die harmloseste aller Regeln, die es einzuhalten galt.  Alles in allem war es ein Abenteuer, das schon damit begann, dass Lars Bruckhoff  - verantwortlich für die Kostüme – kurz nach dem Eintreffen in Schwerin fragte, wer denn das Bühnenbild für Aidsfieber eingepackt hätte. Schnell stellte sich heraus, dass der gesamte Kleiderständer für Aidsfieber in Wuppertal geblieben war. Zum Glück gelang es im Fundus des Mecklenburgischen Staatstheaters Ersatz zu finden. Beide Stücke führten wir an mehreren Orten auf und es gestaltete sich äusserst interessant. Kultur hatte zu DDR Zeiten einen hohen Stellenwert (das Schweriner Theater war ein 6 Sparten Theater) und agierte auf hohem Niveau unabhängig davon, dass es, direkt neben dem Schweriner Schloss gelegen, in einem wunderschönen 125 Jahre alten Gebäude untergebracht war.

Wie so ganz anders Kinder zu diesem Zeitpunkt in West und Ost reagierten zeigt ein Beispiel aus unserem Janosch. An irgendeiner Stelle in dem Stück schwärme ich als kleiner Tiger immer von Blumenkohl mit Semmelbrösel und Butter. Während hier bei uns, diese Bemerkung zu keinen Reaktionen im Publikum führte, waren wir wie vom Donner gerührt als die Schweriner Kinder durch lautes „Bääääähhhhh“ zum Ausdruck brachten, dass sie mit diesem Leibgericht des Tigers nicht einverstanden waren. Hinterher erkundigten wir uns bei den Leheren, was der Grund für diese Reaktion gewesen sei, und sie erklärten uns, dass es zu DDR Zeiten, Gemüse in der Schulkost immer in Kampagnen gab und wenn es eben Blumenkohlzeit war, dann gab es wochenlang nur Blumenkohl.

Auch in Schwerin waren wir wieder in Begleitung eines Redakteurs der WZ,  diesmal Cordula Helmig, die sich bei uns so wohl fühlte, dass sie auch nach unserer Rückkehr dem Kinder- und Jugendtheater treu blieb, später sogar in den Vorstand gewählt wurde.

Also zurück nach Wuppertal. Nachdem Aidsfieber wie schon die 2 Vorgänger des Jugendtheaters fest in der Stadthalle etabliert war, ging es mit unserer Weihnachtsproduktion wieder auf die Walz. Diesmal spielten wir kein Märchen, sondern mit „Pu, der Bär“ einen moderneren Stoff, der allerdings auch schon 1926 als Buch erschienen war und zu einem Klassiker wurde, nicht nur weil Disney daraus einen Zeichentrickfilm machte oder Harry Rowohlt in der Zeit „Pooh’s Corner“ kreierte. Und wärend ich das hier schreibe, sehe ich sie wieder alle vor mir. Die Tiere  aus dem Hundertsechzig-Morgen-Wald, die altkluge Eule, den deprssiven schnell gelangweilten Esel I-Ah, das Kaninchen, Kängurumutter Känga samt Klein-Ruh, Tiger, Ferkel und natürlich Pu der Bär, den Alexander Milne als Bären von sehr geringem Verstand beschreibt.

Jener Pu, im Original heisst er Winnie the Pooh, wurde von Ralf Müller gespielt. Verstärkt wurde  er durch Michael Höhne als Kaninchen und Christof Meckel als Ferkel. In Doppelrollen agierten Lucia Trappani (Eule und Klein-Ruh) und Helge Könnemann (Känga und I-Ah).

Ja und dann war da noch Christopher Robin, gespielt von Annika Kuhl. Und damit bin ich wieder am Anfang meiner dieswöchigen Geschichte. Plötzlich war Annika da und sollte uns die nächsten 4 Jahre begleiten und uns und die Zuschauer mit ihrer unbekümmerten Art zu spielen verzaubern. Annika sah mit ihren kurzen Haaren genauso aus wie E.H. Shepard, der Illustrator der ersten Buchausgabe, Christopher Robin gezeichnet hatte. Sie hatte schon unter Paul Winterling in diversen Gruppen, u.a. dem Jungen Podium der Volksbühne Theater gespielt, bevor sie zu uns gefunden hatte.

Doch genau so plötzlich wie sie 1990 auftauchte, war sie 1993 nach ihrem Abitur wieder verschwunden. So ist das halt mit den Schauspielern. Es sind fahrende Leute; aber die nächsten paar Jahre werdet ihr noch so einiges über sie zu lesen bekommen.

Bis nächste Woche

Euer Uwe

 

PS: Halbzeit. Ich finde die 20 Wochen sind wie im Flug vergangen, die 20 Jahre sowieso. Wir machen auch gar nicht lange Halbzeitpause sondern schauen auf ein ereignisreiches Jahr 1991, in dem es viele Veränderungen geben wird. Stellt schon mal den Schampus kalt. Es gibt etwas zu feiern.