40 Jahre - 1991

Kapitel 21 (1991)

Kennt ihr das Gefühl, wenn um euch herum irgendetwas zu passieren scheint, ihr es aber nicht konkret benennen könnt? Ihr spürt, dass „irgendetwas im Busch” ist, aber ihr wisst nicht, was. Und was das Schlimmste ist, ihr wisst, dass ihr Teil dieses Geschehens seid.

Dies war die Grundstimmung, die sich 1991 langsam im Kinder- und Jugendtheater ausbreitete.

In dem Maße, wie die Erfolge des Theaters sich häuften, verschlechterte sich das Verhältnis zu unserem Trägerverein, der Kulturgemeinde Volksbühne. Die Tochter Kinder- und Jugendtheater war der Mutter Volksbühne über den Kopf gewachsen. Natürlich stellte Herwig Mark (jetzt, da ihm von allen Seiten bescheinigt wurde, wie herausragend sein Theater sei) Ansprüche. Herwig wollte nicht still stehen bleiben (Stillstand ist Rückschritt), wollte weiter. Sowas kostet Geld. Die Volksbühne war bei eigenen knappen Kassen nicht in der Lage, diesen Weg mitzugehen. Ja sogar über eine Schließung des Theaters wurde gemunkelt. Trotz dieser sich nun häufenden Querelen ums leidige Geld, lief der Theaterbetrieb nach wie vor wie geschmiert.

Das Frühjahr begann mit meinem Aller-aller-aller-Lieblingsstück „Ronja Räubertochter” von Astrid Lindgren. Es war ein gewaltiger Kraftakt, dieses Stück. Ein Riesenensemble spielte in einem Riesenbühnenbild. Ein Tross von 13 Darstellern, 1 Souffleuse und 5 Technikern waren jetzt Woche für Woche unterwegs.

Aber der Reihe nach:

Von Annika Kuhl hatte ich euch ja schon letzte Woche vorgeschwärmt. Sie spielte die Ronja, ach, was sag ich, sie war die Ronja, Tochter von Mattis und Lovis (Rainer Kreusch und  Heike Melzer).
Sie wächst auf der Mattisburg im Mattiswald zusammen mit ihren Eltern und deren Räuberbande auf, bis sie eines Tages Birk Borkasohn (Jens Dülme), den Sohn des verfeindeten Räuberhaupt- manns Borka (Udo Dülme) und dessen Frau Undis (Sigi Rother), kennen lernt.
Deren Sippe (die Borkaräuber) hat sich in einem durch Blitzschlag vom Hauptbau getrennten Gebäudeteil der Mattisburg eingenistet. Dieser Teil wird seitdem von Borka und seinen Räubern stolz als Borkafeste bezeichnet. Indem sie sich gegenseitig in brenzligen Situationen helfen, werden Ronja und Birk rasch beste Freunde, sehr zum Ärger ihrer verfeindeten Eltern, die sich gegen die tiefe Freundschaft der Kinder stellen.
Als Mattis Birk gefangen nimmt und Ronja sich deshalb in die Hände Borkas begibt, eskaliert der Konflikt zwischen den beiden Sippen. Ronja und Birk ziehen gemeinsam in eine Höhle im Wald. Mattis’ Sehnsucht nach seiner Tochter bewegt ihn schließlich dazu, mit Borka in Dialog zu treten, um den Konflikt zu lösen. Mattis will, dass Ronja auch Räuberin wird, aber Ronja hält, genauso wie Birk, vom Räuberhandwerk nur sehr wenig und entscheidet sich letztendlich gegen diesen Beruf.

Ja, und dann sind da natürlich noch die Räuber, allen voran Glatzen Per, den ich spielen durfte, der so alt ist, dass sich eigentlich keiner mehr erinnern kann, dass es ihn nicht immer schon gab. Im Theaterstück hat er auch die Rolle des Erzählers. Er ist in Ronjas schwerster Stunde, als sie sich gegen ihren verbohrten Vater stellt, ihr Freund, der ihr die Kraft gibt, ihren Weg zu Ende zu gehen. Als er diese Mission erfüllt hat, kann er endlich friedlich sterben. Aber bis dahin lebt das Stück von überschäumender Lebensfreude, von lauten Wutausbrüchen der verfeindeten Anführer, von Gesang und Tanz und Spaß. Und trotz des Todes von Glatzen-Per hat das Stück ein versöhnliches Ende. Die Kritik überschlug sich vor Begeisterung, und besonders Annika Kuhl in der Titelrolle und unser aller Spiellust trugen dieses Stück zu seinem grandiosen Erfolg.

Nie werde ich die Szene vergessen, in der ich mich mit Klein-Klipp (Boris Pietsch) über Ronjas Kindertage unterhalte. Dabei verwandelt sich Glatzen-Per zum Spaß in das Baby Ronja und lässt sich von Klein-Klipp füttern. Zu diesem Zweck hatte ich mir für jede Vorstellung einen Tontopf mit Haferbrei gemacht, der mir dann per Holzlöffel verabreicht wurde. Nein verabreicht ist noch zu harmlos, Boris hat mir den Brei eingetrichert, vollgestopft wurde ich mit dem Brei bis nichts mehr reinging. Zur Freude der Zuschauer, vor allem jener in der ersten Reihe, die sicherlich auch unfreiwillig etwas von dem köstlichen Brei abbkamen, denn ich hatte ja auch noch Text, entwickelte sich diese Szene von Aufführung zu Aufführung ausufernder. Aber Räuber haben ja Narrenfreiheit.

Viele Jahre später haben wir genau diese Szene mit dem anschließenden Ronja- Lied noch einmal aufgeführt. Es war in der Galerie Epikur, in der Tobias Uhl und Katja Buchwald ihre Hochzeit feierten. Beide hatten als Rumpelwichte (Wiesu denn bluß? Wiesu tut sie su?) und Graugnomen ebenfalls mitgespielt und waren sich in den dunklen Tiefen des Bühnenbilds näher gekommen. Das Stück hatte einen guten Einfluss, denn beide sind immer noch verheiratet und nach wie vor stabile Säulen des Kinder- und Jugendtheaters. Und wenn ihr Tobias einmal treffen solltet, dann lasst euch doch mal den Klingelton seines Handys vorspielen: es ist das Ronja-Lied.

Die zweite Begebenheit steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den Rumpelwichten, wobei ich nicht mehr genau weiß, ob es Silke Schober war oder Tobias Uhl, die, aus welchen Gründen auch immer, zu einer Vorstellung fehlten. Kurz entschlossen musste Herwig Mark selbst in diese Rolle schlüpfen. Völlig unbelastet von irgendwelchen Textkenntnissen zog er das Kostüm an und agierte als Rumpelwicht. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass viel mehr Wiesu-tut-sie-sus als sonst gesprochen wurden. Was soll’s, keiner hat’s gemerkt, und es blieb der einzige Ausflug von Herwig auf die Bretter seines Theaters.

Bevor ich aber aufhöre, euch von dem tollsten Stück aller Stücke zu berichten, muss ich euch noch die Geschichte von Solingen-Wald erzählen.

Seit vielen Jahren, ja Jahrzehnten, spielen wir auch in Solingen Wald an der dortigen Gesamtschule, der Friedrich-Albert-Lange-Schule. Wir hatten „Ronja Räubertochter” wegen des großen Erfolgs nach den Sommerferien wieder aufgenommen. 3 Vorstellungen waren angesetzt, jeweils 19:00 Uhr. Die Größe des Bühnenbilds ließ es nicht zu, dass wir innerhalb des Gebäudes spielten, so hatten wir die Aufführung nach draußen verlegt, in einen atrium-ähnlichen Innenhof. Nach der Freitagsvorstellung am 11. Oktober hatten wir alle ein gutes Gefühl für die Samstags- und Sonntagsvorstellung. Aber wir hatten die Rechnung ohne das Wetter gemacht. Samstagmorgens schüttete es wie aus Eimern, und es hörte auch nicht auf. Eigentlich waren wir drauf und dran, die Vorstellung abzusagen; aber dann zeigte es sich, was eine gewachsene Gemeinde alles auf die Beine stellen kann. Der „beste Hausmeister aller Zeiten” (und das meine ich ernst) hatte herumtelefoniert und dafür gesorgt, dass mit Hilfe des technischen Hilfwerks und einigen anderen freiwilligen Helfern, der gesamte Zuschauerbereich mit Hilfe von Stahlseilen und durchsichtigen Planen abgedeckt wurde.

Was für eine Athmosphäre! Wir spielten pünktlich um 19:00 Uhr. Und wie wir spielten. Der Himmel hatte uns zu unserem wunderbaren Stück auch noch schwedisches Wetter serviert. Nebelschwaden waberten über die Bühne, die Kostüme waren klamm, bisweilen rutschten wir auf dem Bühnenboden aus; aber wir tanzten und dampften und sangen und brüllten und greinten, als ginge es um unser Leben. Was war Schweiß, was war Regen? Egal, es hat keine bessere Vorstellung gegeben als diese vorletzte. Am Sonntag war dann alles schon eine gern erzählte Anekdote und Solingen-Wald feierte nach der Vorstellung ein großes Räuberfest.

Und was gab es zu essen? Natürlich Räuberspieß!

Unser Jugendstück hieß „Mensch, ich lieb dich doch” und stammte aus der Feder des zweiten großen Kindertheaters in Berlin neben Grips, dem „Theater Rote Grütze”, das aber auch aus Ensemblemitgliedern des Grips-Theaters hervorgegangen war.
Am Wochenende einen draufmachen – „Mann, war ich breit” – Prahlereien um Alkohol, die ganz alltäglich sind. Alkohol, Drogen und Tabletten, die spielen die Hauptrolle in diesem Stück. Die Geschichte von Speedy (Silke Schober) und ihren Freunden aus dem Jugendheim ist eine Geschichte für Leute, die das Leben suchen, heißt es im Untertitel. Das Leben sucht Rocky (Michael Höhne), der bei der Lebensversicherung aufgehört hat, um im Jugendheim Sozialarbeiter zu sein. Da ist Speedy, die von der Schule fliegt, weil sie in Chemie kleine Pillen verteilt; „ist doch auch Chemie”. Als alle gut drauf sind, wollen sie eine Band aufmachen, mit Dany (Lucia Trapani), Speedys Freundin Grübchen (Nicole Reith) am Saxophon, mit Einstein (Gerrit Jech) und Ratte (Felix Mark) an den Gitarren. Spaß macht es allen, Grübchen liebt Schlagzeuger Matze (Boris Pietsch) und Einstein Speedy, aber sie weiß nichts davon. Zuhause gibt es wegen jeder Kleinigkeit Ärger. In der Disco lernt sie Ufo kennen, mit dem sie Heroin snieft. Ausprobieren heißt es am Anfang, bis sie schließlich der eigenen Band den Cassettenrecorder klaut, bei Grübchens Eltern in die Kneipenkasse greift und am Ende auf der Intensivstation landet. Kein Happyend, kein Friede-Freude-Eierkuchen.

Die Kritik lobt Herwig Marks Inszenierung: „Mensch, ich lieb dich doch ist Suchtprophylaxe par excellence, ein Jugendstück, das sich glaubhaft mit den Räuschen des Lebens befasst.”

Unser Konzept, altersgerecht die Rollen zu besetzen, um gegenüber den jugendlichen Zuschauern glaubhaft zu sein, ging wieder einmal voll auf. Das Stück hinterließ viel Nachdenklichkeit und Diskussionsstoff. Und darauf war es uns angekommen. Auch mit diesem Stück gastierten wir in Schwerin und Güstrow. Kurzfristig musste Herwig Mark Ersatz für Michael Höhne finden und besetzte die Rolle des Sozialarbeiters mit einem vom Fach, Dieter Marenz. Auch er war, nachdem er Bühnenluft geschnuppert hatte, infiziert vom Theatervirus, bis heute.

Das Jahr endete mit einem modernen Märchen. „Die kleine Hexe” von Otfried Preußler stand nach 1982 zum zweiten Mal auf dem Programm. Annika Kuhl, eben noch Ronja Räubertochter, hatte keine Mühe, sich auch in diese Rolle zu verwandeln und ihr ihren Stempel aufzudrücken. Ihr zur Seite standen Michael Karp-Armonier als Rabe Abraxas und die gesamte Creme de la creme unseres Ensembles. Ich will euch jetzt nicht alle Namen nennen, zu oft waren sie hier schon fett gedruckt.

Frank Scurla von der Westdeutschen Zeitung schreibt:

„Die kleine Hexe” zeugt wieder von den Qualitäten des Regisseurs und seines Teams Laurentiu Tuturuga (mit einem an Kinderbuchillustrationen angelegten Bühnenbild), Lars Bruckhoff (Kostüme) und Matthias Burkert (Musik), die ein sehr junges Publikum sehr ernst nehmen und es nicht mit „täuschend echten” Bühnenillusionen einlullen, auch wenn es sich bei dem Stück über „Hexerei angeboten hätte.

 
Dieses Stück bildete einen Wendepunkt in der Geschichte des Wuppertaler Kinder- und Jugendtheaters:

1) Es war die letzte Inszenierung  in „unserem Theater”, den Kellerräumen der Stadthalle, denn es war jetzt beschlossene Sache, sie zu renovieren, und deshalb mussten wir weichen. Als Ausweichquartier wurde uns die Aula der kaufmännischen Unterrichtsanstalten oder, wie sie heute heißen, des Berufskollegs Elberfeld angeboten. Noch heute trauere ich ein wenig, wenn ich im Restaurant Rossini stehe, an der Stelle, wo wir einige der erfolgreichsten Produktionen, vor allem im Jugendbereich, verwirklicht haben.

2) Die Gründung des eigenen Trägervereins war jetzt beschlossene Sache. Vor allem dem damaligen Kulturamtsleiters Schauerte war es zu verdanken, dass nach vielen Hinterzimmergesprächen der Wechsel vollzogen werden konnte. Herwig Mark genoss das volle Vertrauen der Stadt, sodass sichergestellt war, dass die Zuschüsse weiter in voller Höhe fließen würden. Nach einer Übergangsphase bis Ende 1991, sollte unser Theater ab 1992 offiziell auf eigenen Füßen stehen.

Letztendlich waren alle Parteien zufrieden. Die Volksbühne, weil sie jetzt ihr Kind guten Gewissens entlassen konnte, die Stadt Wuppertal als größter Zuschussgeber, weil jetzt die Zuschüsse seitens der Stadt direkt und zielgerichtet in die Institution Kindertheater fließen würden und wir, die wir uns erhofften, auf eigenen Beinen weiter vorwärts zu kommen und Projekte zu verwirklichen, die uns bisher versagt geblieben waren. Erste Neuerung war, dass wir ein dickes 50-seitiges Spielplanheft für die Spielzeit 91/92 herausbrachten, in dem wir, von vielen Händen geschrieben, die vergangene Spielzeit Revue passieren ließen und Lust auf die neue Spielzeit vermittelten.

Heinz Theodor Jüchter, Dezernent für Kultur, Bildung und Sport schrieb in der ersten Nummer: „Ab 1992 muss unser Kinder- und Jugendtheater allein in die Wuppertaler Theaterwelt marschieren. Das wird gewiss gelingen, denn dieses Theater hat in den letzten Jahren bereits gezeigt, welche Qualität und Resonanz es hat. Es ist zu einem Markenzeichen unserer Kulturstadt Wuppertal geworden.” Und er endet mit: „Als erstes soll dafür Sorge getragen werden, dass das Theater nicht heimatlos bleibt, wenn die Stadthalle im November geschlossen wird. Ein erster Ausweichort ist bereits gefunden, eine Dauerlösung wird noch zu suchen sein.”

Kleine Fußnote: Bei dem ersten „Ausweichort” ist es nun seit 20 Jahren geblieben.

3) Zum ersten Mal spielten wir mit „Die kleine Hexe” ein Stück an einem Tag dreimal hintereinander. Seit 1991 werden in jedem Jahr bei der Firma Herberts  (jetzt Dupont) 3 Vorstellungen des Weihnachtsstücks an einem Samstag gespielt, wahrlich ein Gewaltakt.

Das Jahr 1991 ging zu Ende und wir schauten mit großen Erwartungen in die Zukunft.
Ich schaue schon auf ein weißes Blatt, auf dem 1992 steht, und das darauf wartet,
beschrieben zu werden.

Bis nächste Woche

Euer Uwe