40 Jahre - 1992

Kapitel 22 (1992)

Also waren wir jetzt ein Verein, genauer gesagt ein eingetragener Verein, Wuppertaler Kinder- und Jugendtheater e.V. Mit Laurentiu Tuturugas Hilfe hatte Herwig Mark eine Geschäftsführerin gefunden, Gabriele Röder, die fortan für lange Jahre die kaufmännischen Geschicke des Theaters führen sollte. Sie hatte bereits im Vorjahr ihre Arbeit aufgenommen und bei der Volksbühne hospitiert, sodass sich der Wechsel fast unmerklich vollzog. Grundsätzlich gab es jetzt für den Verein einen 7-köpfigen Vorstand und einen Beirat, der zu gleichen Teilen durch die Stadt und durch den Verein besetzt wurde.

Unser Büro richteten wir in dem Gebäude in der Buschstraße ein, wo auch Werkstatt, Schneiderei und Lager zu Hause waren.

Aber jetzt lasst uns endlich wieder übers Theater selbst sprechen. Es galt ja bisher, dass nach einem Janosch mageren Jahr ein Janosch sattes Jahr kam. Und dieser Regel folgten wir auch in diesem Jahr. Janosch Nummer 4 sollte „Ich mach dich gesund, sagte der Bär” werden. Leider gab es bisher davon keine Bühnenbearbeitung, und so hatte ich mich im letzten Jahr entschlossen, die Sommerferien dafür zu nutzen, das Buch zu dramatisieren. Mittlerweile war ich so in der Sprache von Janosch zu Hause, dass ich auch die Buddenbrooks auf Janosch hätte trimmen können. Ich will damit nur sagen, dass es mir relativ flüssig von der Hand ging. Nach den Ferien wurde es dann noch einmal von Herwig lektoriert und Matthias Burkert lieferte wie immer entsprechende Musik dazu. Der kleine Tiger würde sagen: „Sehr dolle Ferien in Dänemark gemacht, Bilderbuch studiert, alles hintereinander aufgeschrieben, kein Tier und nix vergessen und schon ratz fatz fertig.”

Dem Tiger geht es schlecht, überall tut ihm alles weh, vorne und hinten und rechts und links und oben und unten. Sein Freund, der Bär, trägt ihn nach Hause und verspricht: „Ich mach dich gesund”. Er verbindet und bekocht ihn (na klar, mit Bouillon). Als der Zustand sich nicht verbessert, kommen Tante Gans und der Hase mit den schnellen Schuhen ihn besuchen. Dieser rät ihm auch, ins Krankenhaus für Tiere zu gehen. Am nächsten Tag wird der Tiger abgeholt und alle seine Freunde begleiten ihn zum Krankenhaus. Doktor Brausefrosch stellt fest, dass dem Tiger ein Streifen verrutscht ist. Der Tiger wird operiert. Wohltuende kleine Spritze, blauer Traum, Operation vorbei, nix gemerkt, Tiger gesund. Ja, so einfach ist das im Krankenhaus für Tiere. Und nächstes Mal darfst du krank sein, kleiner Bär.

Auch der vierte Janosch bewirkte bei den Zuschauern keine Ermüdungserscheinungen. Über 6000 Zuschauer in 25 Aufführungen erfreuten sich an einer rundherum gelungenen Aufführung. Ich hatte mittlerweile schon ein Tigerkostüm zerschlissen und trat jetzt mit neuen gelben und schwarzen Streifen an; aber eine eingebaute Klimaanlage war immer noch nicht vorhanden. Aber was beschwere ich mich, war ich doch froh, dass bei Vergabe der Bärenrolle, ich nicht „Hier!” gerufen hatte. Und alle die Janosch typischen Figuren waren mit von der Partie, der Hase mit den schnellen Schuhen (wie immer Michael Höhne mit eigens vom Zahntechniker angefertigten Hasenvorderzähnen), Tante Gans (Monika Mertens-Könnemann, rührend besorgt mit Gänsewein), der blinde Maulwurf (mein Sohn Ole, jetzt zwei Jahre älter allein durch die Welt tastend), Wolf und Ziege (Harald Benninghoven und Tobias Uhl als Krankenträger), das Krankenhauspersonal Dr. Brausefrosch, Dr. Walterfrosch und Schwester Luzi, ein durchtriebener Fuchs (Ralf Müller im Bett neben mir) und ein riesengrauer Elefant (Katja Buchwald). Das Stück endete damit, dass der kleine Tiger von allen Tieren wieder nach Hause getragen wird, was wir singend durch den Zuschauerraum gestalteten. Ich war jedesmal heil froh, wenn ich das hinter mich gebracht hatte, mussten mich doch wirklich alle Kinder einmal streicheln, während ich auf der Trage lag.

Unser Jugendstück in diesem Jahr hieß „Ein Indianer will zur Bronx”. 1969 schrieb Israel Horovitz dieses Drei-Personen-Stück. Der Inder Gypta (Rainer Kreusch) hat sich im Moloch New York auf dem Weg zu der Wohnung seines Sohns verirrt. Zwei Jugendliche Joey (Gerit Jech) und Murph (Tobias Uhl) nutzen seine Hilflosigkeit aus und lassen ihre Agressionen an ihm aus. Es ist ein Stück über Gewalt. Die ritualisierten, gewalttätigen Spiele von Murph und Joey, ihr obzönes Vokabular wirken wie Hilferufe. Ein hermetisch abgeschlossener Bühnenraum mit Ölfässern, Leitplanken, einer Bushaltestelle, die von keinem Bus mehr angefahren wird, Schmutz und Verwahrlosung. Es gibt Fragen seitens der Jugendlichen; aber sie bekommen keine Antworten. Der Fremde versteht ihre Sprache nicht, und sie verstehen ihn nicht. Das gewalttätige Ende ist zwangsläufig. Wahrlich ein Stück, das zur Diskussion zwischen den Generationen anregte.

Große Hochachtung verdiente Rainer Kreusch, der den gesamten Text in Hindi zu sprechen hatte.

Alle, die dieses Stück sahen, traf es bis ins Mark, weil klar wurde, dass die Bronx sich vor unserer eigenen Haustür tagtäglich abspielt.

Das gesamte Ensemble und die Inszenierung ernteten großes Lob. Leider mussten wir aber auch zum ersten Mal erfahren, dass ein qualitativ gutes Stück nicht automatisch ein Selbstläufer ist. Nach den überaus positiven Erfahrungen mit unseren ersten Jugendstücken, war der „Indiander” ein Flop. Er blieb über lange Jahre das Stück mit den schlechtesten Zuschauerzahlen. Wir lernten daraus, uns noch mehr Gedanken bei der Auswahl der Stücke (gerade bei denen für Jugendliche) zu machen.

Unser erstes Jahr nach der Vereinsgründung endete mit „Pinocchio”. Carlo Collodi veröffentlichte diese Geschichte des „hölzernen Bengeles”, wie sie im deutschen hieß, 1883. Schon 1940 setzte Walt Disney sie in seinem berühmten Zeichentrickfilm um.

Der Spielzeugmacher Gepetto ist stolz auf seine neue Puppe Pinocchio, und er wünscht sich nichts sehnlicher, als dass sie lebendig sei. Tatsächlich erscheint in der Nacht eine blaue Fee und verwandelt Pinocchio immerhin in eine lebende Holzpuppe. Zufällig dabei ist die Grille, die von da an Pinocchios „gutes Gewissen” darstellt. Gegenspieler  zur Grille sind Kater und Fuchs, die Pinocchio ein und das andere mal auf die schiefe Bahn bringen. 

Inzwischen macht sich Gepetto zu Hause gewaltige Sorgen. Er versucht vergeblich, Pinocchio zu finden. Pinocchio durchschaut die Nachteile eines Menschendaseins und entwickelt den Wunsch, wieder eine normale Puppe zu sein. Er macht sich mit der Grille auf den Weg nach Hause. Dort angekommen, stellen sie fest, dass Gepetto verschwunden ist. Pinocchio ist verzweifelt, jedoch findet er heraus, dass Gepetto von einem Wal verschluckt wurde. Sofort macht sich Pinocchio auf den Weg und sucht überall nach ihm. Durch einen Zufall landet auch Pinocchio im Bauch des Wals und trifft dort endlich seinen Ziehvater wieder. 

Sie animieren den Wal zum Niesen und schaffen es so, den Walbauch zu verlassen. Der Wal verfolgt die beiden, doch die beiden können auf einem Floß zunächst fliehen. Pinocchio rettet seinen Vater schließlich, indem er sich selbst opfert. Für sein tapferes und selbstloses Verhalten wird der Holzjunge belohnt und endlich in einen richtigen Jungen verwandelt. Von nun an beschließt Pinocchio, endgültig ein braver Junge zu sein und jeden Tag ordnungsgemäß in die Schule zu gehen.

Auch wenn man die Botschaft dieses Stücks durchaus kritisch betrachten kann, so hat es doch alles, was lebendiges Theater ausmacht und was wir immer wieder den Kindern und Jugendlichen vermitteln wollen. Das Stück war bunt, hatte viele Aktionen, gab den zuschauenden Kindern Gelegenheit sich einzubringen (manchmal sogar lautstark, wenn Pinocchio schon wieder etwas falsch machte) und hatte von Matthias Bukert „italienische” Musik bekommen.

Ich durfte bei einigen Vorstellungen einspringen, und es machte mir große Freude, in dieser Comedia-del-arte-Inszenierung dabei zu sein. Sie war wie geschaffen dafür, auf einem italienischen Marktpatz gespielt zu werden. Es gab keine Theatertricks. Alles war offen für alle sichtbar.

Vermisst wurde nur von einigen die lange Lügennase Pinocchios, auf die Herwig Mark bewusst verzichtet hatte. Bevor mir aber jetzt eine lange Nase wächst beim Geschichten erzählen, sage ich lieber:

Bis nächste Woche

Euer Uwe