Kritik der Westdeutschen Zeitung am 13.3.2017

Westdeutsche Zeitung vom 13. März 2017

Bewegende Fluchterfahrungen zum Miterleben

Von Jeanette Nicole Wölling

Im Kinder- und Jugendtheater hatte am Samstag „Krieg - stell dir vor, er wäre hier“ Premiere.

Wuppertal. Es ist dunkel. Dann schrillen Sirenen, während Suchstrahler herumirren. Mit einsetzendem Bombendröhnen kommen neun Menschen aus verschiedenen Ecken zu einem zentralen Ort. Sie laufen geduckt, kriechen fast und kauern sich schließlich alle zusammen, bis der infernalische Lärm vorbei ist. Doch das ist nur der Anfang. Und viel heller sieht es am Ende von „Krieg - stell dir vor, er wäre hier“ auch nicht aus. Das Stück nach einem Essay von Janne Teller hatte am Samstag im Kinder- und Jugendtheater Premiere.
Die Wuppertaler Bühnenfassung für Jugendliche ab 13 Jahren unter der Regie von Lars Emrich setzt die verstörende Geschichte geschickt um. Es geht um eine deutsche Familie, die wegen Krieg in Deutschland nach Afghanistan (im Buch Ägypten) fliehen muss. Dort leben die Fünf in einem Flüchtlingscamp, dürfen nicht arbeiten, keinen Sprachkurs besuchen und fühlen sich selbst nach positivem Asylverfahren immer noch wie Menschen dritter Klasse.
Dabei unterscheiden sich die Deutschen äußerlich gar nicht von den Anderen. Sie sehen genauso aus wie ihre Feinde und später ihre Gastgeber, wie Karola Brüggemann und Hannah Hekermann mit ihrer Kostümwahl deutlich hervorheben: Sie alle tragen graue zweiteilige Uniformen, die an Gefängniskleidung erinnern, und Turnschuhe.
Doch die Gefühle der Kriegsflüchtlinge sind anders. Sie geben ihre Heimat, ihre Zukunft auf, tauschen Angst gegen scheinbare Perspektivlosigkeit. Das schlichte, düstere Bühnenbild (Laurentiu Tuturuga) unterstreicht diese innere und äußere Abwehr. Graue Röhren mit herausragenden kleineren Röhren, die stehen oder von der Decke hängen, wirken wie ein Minenfeld oder wie ein abgesägter, laubloser Wald. Hin und wieder fällt eines dieser Gebilde um. Ob das Absicht ist oder dem energischen Spiel geschuldet, lässt sich nur schwer sagen.Die ständige Angst, die ein Krieg auslöst und die schließlich zur Flucht führt, sowie die Hoffnungslosigkeit und die Wut am neuen Wohnort haben Regie und Ensemble deutlich herausgearbeitet.
Dabei halten sie sich zwar an den Originaltext, ergänzen die Vorlage aber um eigenes Material.
Vier Darsteller haben eigene Fluchterfahrung
Im Original gibt es einen 14-jährigen Erzähler, der in der Du-Form recht sachlich seine Geschichte vorträgt. Auf der Bühne wird der Text jedoch abwechselnd und auch gleichzeitig von allen gesprochen. Dieser Fluss von Informationen erhält in der Inszenierung dadurch Bedeutung und Tiefe, dass die Schauspieler Persönliches einbringen. So stellt sich jeder der neun Mitspieler vor und berichtet an mehreren Stellen von seinem Hintergrund.
Dabei wird gleich zu Anfang klar, dass neben fünf erfahrenen und ausdrucksstarken Darstellern vom Kinder- und Jugendtheater (Yannick Bartsch, Jos Freudenthaler, Jeanne Knoke, Soraya Sala und Tobias Uhl) dieses Mal vier junge Menschen mit Fluchterfahrung zum Ensemble gehören.
Rahmatullah Hasani, Hossein Rezai und Behzad Zafar stammen aus Afghanistan, Drita Rrustemi aus dem Kosovo. Es ist beeindruckend, dass sie den Mut haben, das schwere Thema Flucht mit auf die Bühne zu bringen und sogar kleine Sprechrollen zu übernehmen - sowohl auf Deutsch als auch auf Dari oder Englisch.
Rahmatullah Hasani präsentiert zudem – als Teil seiner persönlichen Geschichte – eine sehenswerte Kung-Fu-Aufführung. Das lockert die eher gespannte Stimmung auf. Auch Lieder mit persönlicher Bedeutung und Fotoshows auf der großen Leinwand im Hintergrund der Bühne – die allerdings von den Röhrenbäumen optisch gestört wird – sorgen für Abwechslung.
Mit der Alterswahl ab 13 Jahren hat das Kinder- und Jugendtheater noch niedrig gegriffen. Das Stück ist anspruchsvoll und setzt voraus, dass man sich mit dem Thema Flucht gedanklich auseinander setzen kann und möchte. Eine Aufarbeitung des Gesehenen mit Eltern oder Lehrern erscheint notwendig.
Es ist empfehlenswert, den Essay von Janne Teller gelesen zu haben, um nachvollziehen zu können, welche Figuren gerade im Vordergrund stehen. Denn die Schauspieler wechseln die Rollen manchmal in Sekundenbruchteilen. Dann sind sie nicht mehr die Kriegsopfer, sondern die Feinde mit Waffen oder später die Freunde in der alten Heimat.
Ein Besuch von „Krieg - stell dir vor, er wäre hier“ ist sinnvoll und empfehlenswert, um das für Jugendliche in Deutschland sehr abstrakte Thema „Flucht“ greif- und fühlbar zu machen. Das Premierenpublikum dankte dem Kinder- und Jugendtheater mit minutenlangen stehenden Ovationen.

"Deine blauen Augen kannst du nicht verstecken"

Eine weitere Kritik ist zu finden unter:

http://www.musenblaetter.de/artikel.php?aid=20003&suche=an